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Dingolfing, im Frühjahr 2002

 

Man kann es fast nicht glauben…

 

Man kann es fast nicht glauben, und doch ist es so: Immer noch sind weite Teile  der deutschen Bevölkerung angesichts weltpolitischer Gegebenheiten geneigt zu glauben, dass in letzter Konsequenz immer "der Jude" die Schuld an all der Misere trägt. Das geht dann letztendlich gar soweit, dass man nur zu gerne ihn, den Juden, zwar über sieben Ecken herum, aber letztendlich doch, als den eigentlichen Urheber der Ereignisse vom 11. September 2001 in New York und Washington sieht.

 

Und angesichts der augenblicklichen Eskalation der Ereignisse in den palästinensischen Autonomiegebieten und Israel, ja sogar angesichts des nahen Ende des Taliban-Regimes in Afghanistan, scheinen die Argumente all jener die die Politik Israels (und damit implizit des israelitischen Volkes, das der landläufigen Meinung zufolge, in seiner Mehrheit, aus den Nachfolger all jener Juden besteht, die dem Holocaust entkommen sind), als eigentlicher Verursacher der anti-amerikanischen Bewegung in der islamischen Welt, nicht ganz abwegig zu sein, zumal die allgemeine Berichterstattungslage in unserem Lande, so sensationslüstern, profitorientiert und politisch opportun sie nun mal ist, eine halbwegs realistische Einschätzung der politischen Lage fast unmöglich erscheinen lässt.

 

Nach wie vor kann die hohe Politik davon ausgehen, dass die öffentliche Meinung durch gezielte Steuerung des Informationsflusses, selbst durch unsere so vielgerühmte, weil doch so differenzierte, vielseitige und objektive Medienlandschaft, leicht gesteuert werden kann. Um der Wahrheit möglichst nahe zu kommen, ist doch ein erheblicher Aufwand zu betreiben. Vor allem ist ein zeitlicher Aufwand zu betreiben, der allerdings nur einer geringen Zahl unserer Bevölkerung zu Verfügung steht, und zwar nach amerikanischem Vorbild, eben nur einer Führungselite, sei sie sozial-wirtschftlicher oder politischer Natur.

 

Dabei sollten wir doch inzwischen etwas klüger geworden sein und wissen, dass die Meinung dieses Volkes nicht unbedingt zu vernachlässigen ist, zumal es doch bewiesen hat, dass es die Macht selbst so diktatorischer Eliten wie es nun mal jene der einstigen DDR war, ohne  weiteres aushebeln kann. Damals agierte "das Volk" zwar ganz im Sinne der jetzigen Elite, aber wir sollten nicht vergessen, dass nur etwas mehr als eine Generation zuvor, dieses Volk sich für die falsche Elite entschied und damit eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte auslöste.

 

Nun räsoniert dieses Volk schon wieder gegen den Juden, ein bisschen unter vorgehaltener Hand zwar, ein bisschen unsicher noch, doch das Grummeln wird immer unüberhörbarer. Die historischen Gegebenheiten sind sicherlich ganz andere als vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, auch die Zahl der in Deutschland noch (bzw. wieder) lebenden Juden ist so unbeträchtlich, dass ähnliche Ausschreitungen speziell nun gegen diese Minderheit, wie bei den Nazis, einer heutigen, wie auch immer gearteten politischen Führung, nicht denkbar ist, zumal die europäische Integration (auch die politische), inzwischen zu weit fortgeschritten ist, als dass dies überhaupt noch irgendwie vorstellbar wäre.

 

Hinzu kommt, dass die Österreicher uns dies alles schon vorexerziert haben was da kommen könnte, als sie ihren rechtspopulistischen Haider wollten und damit den Aufstand probierten. Soweit sind wir nun doch noch nicht, allerdings leben in unserem Lande inzwischen so viele Bürger mit anderer Muttersprache, anderer Hautfarbe, anderer Konfession (soweit sie von Bedeutung ist), dass einem schon mal mulmig werden kann, bei soviel Deutschtümelei. (unbeendet)

 

Walter Roth