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arte, Mi 09.09.2003 (Wiederh.)

 

Der Schrei des Schmetterlings

Fernsehfilm / 100. Min. / Deutschland 1999

Regie: Frank Strecker

Buch: Sarah Brigitte Thomsen

Musik: Paul Vincent Gunia, Tito & Tarantula und Mutlu

Mit: Marek Harloff (Pablo), Marie Zielcke (Paulina), Hannelore Elsner (Susanne Thiess), Tito Larriva (Joey), Dietmar Schönherr (Paulinas Großvater), u.a.

 

Man nehme zwei junge Menschen, läßt sie sich verlieben und bringe dann Gevatter Tod in den Reigen – schon hat man die wirksamsten Ingredienzen für die denkbar anrührendste Geschichte beisammen. Diese Geschichte ist wohl so alt wie die Menschheit selber, und doch rührt sie immer noch, wenn sie schön erzählt wird, das menschliche Gemüt zu Tränen. So auch in dieser Fernsehfilmfassung. Und das sogar entgegen so manchem Störfaktor, der allerdings meistens doch auf die Erzählweise zurückzuführen ist, denn auf die Geschichte selber.

Vorneweg sei eins gesagt: ohne die unglaubliche schauspielerische Leistung der beiden Hauptprotagonisten, und der subtilen Regie, der es nur knapp gelang, die Geschichte vor dem reinsten Kitsch zu bewahren, wäre das Ereignis kaum erwähnenswert. Aber diese beiden jungen Menschen waren die ganze Zeit über so glaubwürdig, sowohl was ihre Spielweise, als auch ihren dramatischen Ansatz betrifft, daß man eigentlich an der Geschichte nicht mehr viel kaputt machen konnte, auch wenn man sich redlich Mühe gab.

Gerade die beiden Schauspieler Stars, Elsner und Schönherr, bewiesen einmal mehr, daß die Misere des deutschen Films aus jener Tradition herrührt, wo die Schauspieler für die Filme zunächst an Sprechtheater sich bewährt haben müssen, oder aber, wie wohl im Falle der Frau Elsner, durch ihr Aussehen und durch ihre privaten Beziehungen, überhaupt in die Lage versetzt wurde, vor eine Kamera zu treten. Zwei Szenen seien beispielhaft für den haarsträubenden Auftritt dieser beiden vermeintlichen Stars erwähnt. Zunächst jene Szene, in der Herr Schönherr, als Großvater Paulinas, dieser von ihrer Großmutter vorschwärmt, von ihrer berückenden Schönheit, von ihrer gemeinsamen Liebe auf den ersten Blick, u.s.w. Der große Schauspieler interpretierte das so, als wäre dies alles jemandem anderen passiert, und er selber nur hingerissen von der Geschichte, aber keineswegs selber betroffen. Und Frau Elsner, trotz einiger erstaunlich guten Szenen, wie etwa jener am Krankenlager ihres Sohnes, hatte ihren krönenden Auftritt bei jenem Konzert ihres Ex-Mannes, bzw. Pablos Vater, den sie zu einem Besuch seines Sohnes im Krankenhaus bewegen wollte. Das Gespräch zwischen den beiden könnte man an jeder Schauspielschule als ein Beispiel geben, wie ein Dialog nicht stattzufinden hat. Es gibt sicherlich in der Filmgeschichte noch viel schlechter inszeniertere Dialoge, dieser jedoch wäre deshalb beispielhaft, weil er so knapp am Ziel der Glaubwürdigkeit vorbeischießt.

Aber nun zur Geschichte selber. Erschütternd! Erschütternd wie brutal, grausam, ungerecht und ach!, so menschlich das Leben sein kann! Da wird ein Junge geboren, Pablo, der hat als Vater einen mehr oder weniger bekannten Sänger, vor allem aber jemand, der nicht bereit ist, sein bis dahin gewohntes Leben so umzukrempeln, daß er auch seiner Rolle als Vater gerecht werden könnte, und als Mutter eine zwar schöne, begehrenswerte, doch mindestens genauso  egozentristische Person. Dieser Konstellation gegenüber, steht das Leben Paulinas, die ohne Eltern und nur mit dem Großvater als Bezugsperson aufwächst, und die zu allem Überfluß auch noch an Leukämie erkranken muß. Daß diese beiden Menschen sich dann, nach Pablos Selbstmordversuch, in der Klinik wiederfinden, und sich gar ineinander verlieben, ist nicht nur schicksalsmäßig konsequent, sondern jeder der dieser Geschichte folgt, gönnt es den beiden so sehr, daß man sie fast schon wieder um ihres Schicksales beneidet. Zumal Gevatter Tod ein Einsehen hat, und das schöne Kind dann doch am Leben läßt.

Die Frage die sich bei alldem stellt, ist die Frage nach der Symbolhaftigkeit des Schmetterlings. Das erste Mal erscheint der Schmetterling, als die beiden sich gerade als Liebende erkannt haben und sich hoch über der Konzertveranstaltung, im weitläufigen Labyrinth einer Industriebrache bewegen. Ist es der stete Fingerzeig des Todes, des Schicksales, oder einfach nur der Hinweis auf den stets vorhandenen Schutzengel? Es wird nicht deutlich. Selbst dann nicht, als Paulina bereits ihren letzten Todeskampf ficht, und Pablo in seiner Verzweiflung hinaus in den Klinikpark rennt, mit aller Wucht seine Hand gegen einen Baum schlägt, im Schmerz niedersinkt, um dann im Gegenlicht wieder den Schmetterling zu sehen, der ihm da wie eine Botschaft von Paulina erscheint, und ihn wieder an ihre Seite treibt. Und siehe da, das Blatt wendete sich ab diesem Zeitpunkt zu Gunsten Paulinas Leben.

Also was war es dann? Man muß in diesem Zusammenhang wissen, daß diese Frage ihre besondere Berechtigung hat, zumal der Regisseur des Filmes, 2001, nach schwerer Krankheit verstorben ist. Ganz ohne Frage, soll der Schmetterling eine Botschaft des Wissenden sein. Des Wissenden um die fragile Sicherheit im Leben, die Sehnsucht nach „Liebe und Geborgenheit als existentielle Bedürfnisse eines jeden Menschen“, wie die arte Programmzeitschrift dies formulierte. Das ist alles schön und gut, und mag alles auch stimmen, doch erklärt es nicht, das symbolische Auftreten des Schmetterlings.

Die einzige, mir verbleibende Interpretation, ist der Vergleich des Schmetterlings als Symbol des Lebens schlechthin, flatterhaft und launig, wunderschön anzusehen, vom geringsten Windhauch leicht aus seiner Bahn, oder gar aus den Sein zu werfen, ähnlich jenen Kerzen, die symbolisch für jedes menschliche Leben leuchten, bei jüngeren Menschen kaum entfacht aussehen, bei älteren ziemlich niedergebrannt, doch so sicher weiß das nur der Tod, nur der weiß, ob das eine junge Leben nicht doch zu sehr den Winden des Lebens ausgesetzt war, und deshalb wesentlich schneller niederbrannte, als jenes eines alten Menschen, dem es gelungen ist den Stürmen des Lebens zu trotzen, die deshalb seiner Kerze kaum etwas anhaben konnten. Inwiefern dies der reine Zufall, oder die reine Willkür einer göttlichen Übermacht ist, mag hier dahingestellt bleiben.

Eines kann man jedoch am Ende des Filmes mit Sicherheit sagen, nämlich wie gut es ist, daß es den Schmetterling gab, der, wie auch immer, Pablo zu Paulina, und diese zurück ins Leben brachte.

Walter Roth