Atlantis Kino München, 05. 02 Do
Lost in Translation
Spielfilm / 105. Min. / USA-Japam 2003
Regie: Sofia Coppola
Buch: Sofia Coppola
Musik:
Mit: Scarlett Johansson, Bill Murray, Akiko Takeshita, Kazuyoshi Minamimagoe, u.a.
Kommt auch nicht alle Tage vor, daß man auf Grund einer Spielfilmrezension in der Zeitung ins Kino geht, eine sehr beeindruckende Vorführung erlebt, keine Frage, danach jedoch nicht mehr weiß was eigentlich nun zutreffender ist, nämlich die subjektive und objektive eigene Meinung einerseits, oder ob andererseits vielleicht nicht doch der poetisch-, pathetisch-, didaktische Ton des Zeitungstextes der Wahrheit näher ist.
Beispiele gefällig?
Zunächst einige poetische: „Der Taxifahrer, der dich fährt, er bekommt Geld dafür, dass er dich nicht einfach aussetzt, sondern auf eine Insel in dieser hellen Dunkelheit bringt, eine Insel, auf der man dich erwartet.
Der Taxifahrer ist dein Freund – das musst du glauben.“
„Der Beginn einer Reise ins Unbekannte, vielleicht der Beginn jeder Reise in eine fremde Welt.“
Nun wird er pathetisch: „Lost in Translation [...] ist ein sehr, sehr großer Film, ein Film, das kann man einfach so sagen, der bleiben wird. Auch ist er ein großer Hotelfilm. Der gültige Hotelfilm unserer Zeit.“ Es folgt eine „tiefe Verbeugung vor Sofia Coppola, der Tochter des gewaltigen Francis Ford.“ Danach mixt er mal vorübergehend Poetik und Pathetik:
„Die Menschen vor der Tür mit dem goldenen Licht, sie geben dir Visitenkarten.“ „Das Licht, das immer ein paar Watt zu schwach erscheint, in allen Hotels der Welt: hier ist es durch Reispapier und Milchglas gefiltert, damit es den Augen auf keinen Fall wehtut.“
„Der Chemiegeruch, auch in der Bettwäsche, er steht für internationale, das heißt für amerikanische Standards der Sauberkeit. Was immer hier an Keimen unterwegs war, jetzt ist es tot.“
„Du setzt dich auf‘s Bett, faltest die Hände. Du fühlst dich geborgen. Und völlig verloren. Du fühlst dich sicher. Und völlig allein. Noch nie hast du dich so allein gefühlt wie jetzt.“ Dann folgt ´ne kleine Abhandlung über ‚große Hotelfilme‘: L’Aventura von Michelangelo Antonioni 1960, und Die Ferien des Monsieur Hulot von Jaques Tati. Erst danach kommt er zur Geschichte von Lost in Translation. Er erzählt „vom nicht mehr jungen Schauspieler, der für zwei Millionen Dollar ein paar Tage Whiskey-Werbung in Tokio macht und Charlotte trifft, „frisch verheiratet, die ihren hippen Fototgrafen-Ehemann bei einem Job begleitet, was heißt, dass sie ihn nur noch müde ins Bett fallen sieht.“ Kurz und bündig, toll erzählt. Doch dann wieder Hotelfilmgeschichte, nun „de(n) wahrscheinlich berühmteste(n) Hotelfilm von allen, Viscontis Tod in Venedig“ behandelnd, um zur Schlußfolgerung zu gelangen, daß „nur bei Lost in Translation wir sicher sind, dass alles so ist wie in der Wirklichkeit des Park Hyatt in Tokio.
Erst jetzt, und eigentlich noch immer mittendrin, kommt er zur Kernaussage. „Sie (Sofia Coppola) hatte am Anfang gar keine Geschichte, sondern nur die Erlebnisse von ein paar Aufenthalten in diesem Hotel. Sie wollte von einem Gefühl erzählen, das jeder kennt, aber noch keiner so beschrieben hat. Erst dann hat sich die Story entwickelt, die Begegnung der beiden Fremden, ihre höchst intime Romanze, diese wunderbare Sicherheit, einen Seelenverwandten gefunden zu haben, wenn auch nur für wenige Tage. Der Film ist so groß, weil er diese Erfahrung nicht größer macht als sie ist; weil er sich treiben lässt, weil er Zeit hat, sich in Details zu verlieren.“ -040207-Und dann wird er richtig überschwenglich: „Du meinst deshalb, das Schmerzen in den Augenwinkeln zu spüren, wenn die Luft zu trocken ist und du mitten in der Nacht erwachst. [...] Am Ende von Lost in Translation wissen wir, dass der Hotelfilm [schon wieder!] bisher sein wahres Wesen [!] verschleiert hat.“
Schließlich das finale Resümee: „Das große Hotelgefühl hängt nicht mit Schönheit und Extravaganz zusammen, sondern mit inneren Stimmen, die dich so nur in der Fremde überfallen. Und die dir gerade in einer bombensicheren Bettenburg wie dem Park Hyatt Tokio besonders dezidiert einflüstern: dass du hier nicht nur die nächste Etappe deiner Reise planen musst, sondern auch die nächste Etappe deines Lebens.“
Der letzte Abschnitt dann, noch als Konditionssatz des Vorhergehenden, soll wohl den Nagel auf den Kopf treffen, doch nur selten schafft man es dabei, wörtlich und inhaltlich so haarscharf daneben zu schlagen, wie in diesem Fall: „Und dass du die Route endlich gründlich ändern musst.“
Davon war doch nie, und hier schon gar nicht, die Rede. Also was soll das?
Oder haben wir doch vielleicht etwas übersehen oder überhört?
Es war vom Verlorensein in einer fremden Welt die Rede, vom „Beginn einer Reise ins Unbekannte“; von dieser „furchtbar erkenntnisfördernde[n] Einsamkeit“ und auch von berühmten „Hotelfilmen“. Aber die Route ändern? Gründlich ändern? Dabei meint er doch offensichtlich die Lebensroute zu ändern. Als wäre das so einfach! Da einmal nach Links abbiegen, wo es bisher immer nach Rechts ging, und das war’s!
Und trotzdem glaubt man dem Rezensenten, auf unerklärliche Weise damit den Nerv des Films getroffen zu haben. Trotz der Überschwenglichkeiten, trotz der Übertreibungen und schulmeisterlichen Belehrungen, glaubt man Tobias Kniebe, damit die wesentliche Aussage getroffen zu haben. Warum eigentlich?
Weil die Geschichte, nein, der ganze Film, ein sehr glaubwürdiger Appell und leidenschaftliches Plädoyer für einen Neuanfang ist.
So einfach ist das.
Glaubwürdig ist das Gefühl der Verlorenheit das selbst einen Bill Murray überwältigt angesichts der Hochhäuserschluchten einer Metropole wie Tokio. Überwältigt von der Flut der Leuchtreklame, von denen kaum eine zu verstehen ist, von dem Gefühl des Ausgeliefertseins angesichts dieser fremden Welt. Glaubwürdig ist auch das Gefühl der Geborgenheit das Luxus vermitteln vermag, erst recht dann, wenn man frühzeitig im Film mitbekommen hat, daß sich unsere Identitäten auf der Leinwand auch diesen Luxus ohne weiteres leisten können. Und wie gerne glauben wir auch noch an das tief in uns verwurzelte kosmopolitische Gehabe, aus der Geborgenheit einer uns vertrauten Welt, die Exotik und den Scharm der weiten Ferne entdecken und erobern zu dürfen. All das gab es schon im Kino, und zwar öfter, nicht nur in den drei, oder vier erwähnten Filme, und das hat kaum etwas mit dem Hotel zu tun. Der Scharm der Safari in Out of Afrika, ist das so vertraute Zelt mit Grammophon und erlesenen Tischmanieren, mit Flugzeug und Hochpräzisionswaffe.
Aber darum geht es nicht, und das hat der Autor der Rezension sehr wohl erkannt, obwohl er krampfhaft einen ganzen Popanz aufbauscht und verbissen nach der Schublade sucht in der er das Gebilde dieses Spielfilms einordnen könnte. Dabei ist dies nur die Verpackung, der Wattebausch, in den eine unglaublich zarte, fast nur angedeutete Geschichte gebettet wird. Und diese Geschichte ist’s letztendlich auch die uns berührt, uns rührt und bewegt - oder auch nicht.
Dabei stellt sich unweigerlich die Frage welchen Alters wohl der werte Rezensent sein mag, da ihn sein Gespür für das Wesentliche nicht verlassen hat. Denn zweifelsohne bedarf es einer gewissen Lebenserfahrung um dieser filigranen Geschichte ihr Geheimnis zu entlocken, das da eigentlich nur nüchtern und sachlich heißt: den Augenblick zu erkennen und wahrzunehmen, wo du „die Route“ deines Lebens „endlich gründlich ändern musst“. Das Paradox dabei ist, daß dies wohl auf den männlichen als auch den weiblichen Protagonisten zutrifft, doch dem Rezensenten kauft man nur diese Meinung für den männlichen Part ab, während er für den Seelenzustand der jungen Frau als nicht zuständig zu betrachten ist, es sei denn man nimmt ihm den Verweis auf die Privatsphäre der Regisseurin und ihrer Trennung vom Nochehegatten, als solchen ab. Dabei beläßt er es auch, und sobald er wieder in seinem Text als Identifikationsfigur auftretet, also als der Zuschauer, der sich durch die Kamera in eine andere Welt transponiert sieht, verfolgt er zwanghaft das Geschehen nur als männliches Wesen.
Als solches erkennt er, und das ist wohl auch vom Drehbuch eindeutig so gemeint, daß ein Mann sehr wohl seiner Rolle als Gatte und Vater bewußt sein kann, ohne sein Mannsein endgültig ad acta gelegt zu haben. Ein Mann ist ein Mann, und ein Mann ist immer ein Mann wenn er ein Mann ist! Und die Kernaussage in diesem Zusammenhang ist die, daß du als Mann nie resignieren darfst noch länger Mann zu sein, denn du bekommst deine Chance Mann zu sein immer wieder, unabhängig von den Jahren die deinen Rücken krümmen. Unglaublich tröstlich diese Erkenntnis, gerade angesichts des ramponierten und von den Jahren nicht gerade verschonten Gesichtes Bill Murrays. Insofern ein Film für Männer, für alle Männer. Sie werden ihn mögen!
Und die Frauen?
Die Frauen werden zwiegespalten sein. Zum Einen weil gerade junge Frauen immer häufiger die Erfahrung machen müssen, daß ihre männlichen Auserwählten, zumal dann wenn sie den Jahren nach etwa gleichen Alters sind, naturgemäß, wie unzählige Generationen vor ihnen, die Prioritäten ganz anders setzen als sie und vorwiegend damit beschäftigt sind, sich langfristig jene Qualitäten anzueignen und zu sichern, die sie immer als Paarungskandidat interessant, ja begehrenswert machen. Ihr vordergründiges Interesse ist nun mal, möglichst vielen Frauen möglichst viele ihrer Gene weiterzugeben. Und dies unter unterschiedlichsten Variationen. Sie sind auch bereit dafür einen hohen Preis zu zahlen. Doch wie vergeblich dieser Run ist, der wohl noch aus posthumaner Zeit herrührt, erkennen sie meist erst dann wenn es zu spät ist.
Dies ändert jedoch nichts daran, daß die Sehnsucht beider Geschlechter nach jener Partnerschaft weiterbesteht, wo Mann und Frau, jenseits ihrer sexuellen Begierde und Fortpflanzungstriebe, mit ihren Qualitäten und Schwächen jene Symbiose eingehen, die Garant eines erfüllten Lebens ist, eines Lebens ohne Angst vor dem Tode.
Und während sich nun junge Frauen eher bestätigt sehen, daß ihre Vermutungen und Erfahrungen, gerade mit jungen Männer dahingehend wahr sind, daß jegliche Partnerschaft letztendlich nur ein Geschlechterkampf ist, der nun über etliche Generationen hinweg ausgetragen wurde und als dessen Folge es die unzähligen zerrütteten Familien gibt, während Beziehungen zu älteren Männer zumindest eins versprechen, nämlich frei von jener Drohgebärde zu sein, auf Abruf für eine andere Partnerschaft bereit zu sein, sehen ältere Frauen darin eher eine Bedrohung ihrer angestammten Jagdreviere, auf der Suche nach dem geeigneten Lebensabendgefährten.
Was geschah allerdings in dem Film das diese These bestätigte?
Nichts! Rein gar nichts!
Denn das bißchen Geltungssucht des hippen Fotografen-Ehemannes, kann kaum beispielhaft für die ganze Maladie einer Generation stehen. Wenn man jedoch die Selbstverständlichkeit hinzunimmt, mit der sich die junge Schauspielerin, sein weibliches Pendant in diesem Film, unter vollkommenem Realitätsverlust zu diesem gesellt, so wird einem ganz schnell angst und bange. Trotzdem bleiben sie Randerscheinungen, vage Hinweise auf gescheiterte, beziehungsweise noch zu scheiternde Existenzen.
Selbst die bizarre, fast künstliche Welt des heutigen Japan, dessen Tempel und Gärten in der Hektik und dem Treiben des Alltags wie das Versprechen eines Gottes wirken, selbst diese Welt kann den einen Ausnahmefall nicht ausschließen. Aber ein Ausnahmefall bleibt es auf jeden Fall. Es bleibt wahrscheinlich für alle Ewigkeit ein Ausnahmefall, daß eine junge Frau einen alten Mann, oder auch umgekehrt, ein junger Mann eine alte Frau lieben wird. Und insofern ist nun mal der Film die Geschichte der Ausnahme von der Regel. Allerdings jene Geschichte die manche gerne träumen werden, während andere sie kategorisch ablehnen.
Wer die seelische Bereitschaft hat diese Geschichte durch die Perspektive der beiden Protagonisten zu sehen, der wird auch in der Lage sein, ihr jenen Hauch der Utopie zu verleihen, aus dem der Stoff der Träume ist. Allein das macht den Film schon zu einem erlebenswerten Erlebnis. Aber dazu muß man dann unbedingt auch noch den Kameramann erwähnen und all jene die all diesen Aufnahmen ein Tonbild verliehen, so daß das Eine ohne das Andere nicht denkbar wäre.
„... es ist ein großer Film, das kann man einfach so sagen, der bleiben wird.“ Wie recht er doch hat.
Walter Roth |