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arte, Di 14.10.2003 (Wiederh.)

 

Schwarze Augen

(OT: Oci ciornie / Occhi neri)

Spielfilm / 113. Min. / Italien 1987

Regie: Nikita Michalkov

Buch: Alexander Adabachian und Nikita Michalkov

Musik: Francis Lai und Gioacchino Rossini

Mit: Marcello Mastroiani (Romano), Silvana Mangano (Elisa),

Elena Sofonova (Anna), Marthe Keller (Tina), Vsevolod Larionov (Pavel), u.a.

 

„Romano, warst du in Russland weil du eine Frau liebst?“

Diese Frage ist wohl, für diesen Film zumindest, Michalkov Es-Dur Akkord, so wie dieser in übertragenem Sinn, Wagners Rheingold-Urmotiv war.

Es ist sehr erstaunlich mit welcher Leichtigkeit und Konsequenz letztendlich dies, mit all den filmdramatischen und vor allem schauspielerischen Mittel, möglich war. Mit einem ganz entscheidenden Unterschiede. Während Wagner aus diesem musikalischen Nukleus heraus, durch unendliche Variationen eine nie dagewesene Themenvielfalt erreichte, geht Michalkov den genau umgekehrten weg, indem er vielschichtige Geschichten, Zeitsprünge und Thematiken gleichzeitig nebeneinander hergehen läßt, sich verdichten, ineinander fließen, Eins werden, um dann danach wieder auseinander zu driften, an Diversifikation durch Romanos Auftritt als Kellner sogar noch hinzu gewinnen läßt. Ein wahrlich erstaunliches Kunstwerk!

War das alles wirklich von Anfang an so geplant? Man kann es fast nicht glauben, gerade nach Romanos unglaublicher Reaktion auf diese Kernfrage. Zweifelsohne ist diese Szene eine der schönsten der Filmgeschichte überhaupt, und wenn sie Mastroianis einzige gewesen wäre, sie hätte ihm einen Platz im kinematographischen Olymp gesichert. Allein wie dieser Höhepunkt filmisch inszeniert wird, ist schon einzigartig. Zum ersten mal sieht man Elisa frontal, offen, konfrontationsbereit. Damit scheint sie, überhaupt zum ersten mal in ihrem ganzen Leben, bereit zu sein, sich mit dem Leben so auseinanderzusetzen wie es ist, und nicht wie sie es sich bis dahin immer zurechtgebogen, sie es sich vorgestellt hatte. Romano hingegen, dessen wahres Gesicht wir gerade noch vor wenigen Augenblicke dachten in Russland erlebt zu haben, Romano verfällt unerklärlicher Weise in seine alte Lebenslüge, und zwar gleich so, daß man es fast nicht Wahr haben kann. Als er aber dann durch Elisa mit Annas Liebesbrief konfrontiert wird, schöpft man wieder Hoffnung und ist überzeugt, daß er nun zum wahren Leben zurückfinden wird, denn man gönnt es ihm ja von Herzen. Und dann, was tut der Geck? Er sagt Nein! Er sagt es gebe keine Frau in Russland die er liebe, dabei war er doch gerade von dieser beschwerlichen Reise zurückgekehrt. Er sagt Nein, und sieht lächelnd zu, wie Elisa den Brief zerreißt. Und weil das so unglaublich ist, fand Michalkov es auch für nötig uns zu Hilfe zu eilen. Zum Glück, muß man sagen, denn der Blick auf das vor Entsetzen verzerrte Gesicht Pavels, das uns Michalkov für Bruchteile gewährt, ist Rettung in höchster Not. Man erkennt darin, daß Romanos Reaktion abnormal und abstrus ist, und nicht die des Zuschauers. Welch Erleichterung! Danach ist die Versöhnung Elisas mit Romano nur mehr halb so schlimm.

Also war das doch alles so geplant? Höchstwahrscheinlich. Zweifel kommen erst wieder auf, wenn sich Romano plötzlich als Kellner des Schiffrestaurants entpuppt. Denn damit stellt sich zweifelsohne die Frage, ob vielleicht Romano nicht doch tatsächlich zeitlebens nur ein Spinner war, ein Geschichtenerzähler eben, wie er sich ja selber auch in dieser Geschichte darstellte, der sich die russische Geliebte, die Reichtümer seiner Frau, der noble Kuraufenthalt, dann das russische Inferno, die Zigeuner, und, und, und ..., der sich das alles nur aus Kurzweil ausgedacht hatte. Eine geniale Künstlernatur also, der wenige Augenblicke genügen, das Leben so darzustellen, wie normal Sterbliche gar nicht in der Lage sind es zu sehen. Doch erinnert man sich dann, irgendwann am Anfang ein Foto gesehen zu haben, die Romano seinem Gegenüber zeigt. Was ist nun damit? Ist der Romano auf dem Foto tatsächlich auch der Kellner auf dem Schiff? Wir werden’s nie erfahren.

Und Anna, Pavels Frau? Ist sie nun tatsächlich Romanos Geliebte gewesen, oder doch nur Sinnbild männlicher Sehnsucht nach Liebe? Wir werden’s nie erfahren.

Walter Roth