arte, Mi 10.12.2003 (Wiederh.)
All die schönen Versprechungen
(OT: Toutes ces belles promesses)
Fernsehfilm / 81. Min. / Frankreich 2002
Buch und Regie: Jean-Paul Civeyrac
Nach dem Roman „Hymnes á l’amour“ von Anne Wiazemsky
Unter „Chanson d’amour“ 1997 in deutsch bei Ullstein erschienen
Musik: Felix Mendelsohn-Bartholdy und Gustave Goublier (Chanson „L’Hymne à l’amour“, Text von Léon Durocher, interpretiert von Edith Piaf
Mit: Jeanne Balibar (Marianne, 38), Céline Duchange (Marianne, 15), Iréne Cavallaro (Marianne, 8) Bulle Ogier (Béatrice), Renaud Bécard (Etienne), Valérie Crunchant (Ghislaine, 25), u.a.
„Kinematographische Kammermusik“ könnte man diesen (und noch so manchen anderen) französischen Fernsehfilme der letzten Jahre bezeichnen, die vor allem sich dadurch kennzeichnen, dass sie das aufwendig Spektakuläre meiden, still und leise, dafür aber nicht weniger intensiv als so manche amerikanische Großproduktion daherkommen. Dabei behandeln sie nicht weniger das allzu menschliche, wie das Lieben, das Leiden und Sterben, von der Größe und der Niedertracht des Menschengeschlechtes, und trotzdem hat man bei diesen Filmen, als Zuschauer zumindest, den permanenten subjektiven Eindruck, dass man selber, im Unterschied zu den Schicksalen auf der Leinwand, bzw. der Mattscheibe, immer eine Alternative hat. Man darf, ja man soll als Zuschauer dieser leisen Filme größten Anteil an dem dramatischen Geschehen nehmen, doch anders als bei den Hollywoodfilmen wird man, und soll man auch nicht, dabei vollständig die Kontrolle über sich verlieren, ähnlich der Rolle des Chores in den klassischen griechischen Tragödien, oder auch ähnlich dem brecht‘schen ‚Blick von außen auf mich selbst‘. Und damit wird auch wohl der entscheidendste Unterschied zwischen dem amerikanischen und europäischen Film erkennbar, auch wenn es nach wie vor, hier wie dort, immer wieder zu Zwitterproduktionen kam, und auch in Zukunft noch kommen wird.
Man könnte nun versucht sein zu glauben, dass dies nun eine viel zu lange, viel zu ausschweifende Einleitung zu der Leichtigkeit ist, mit der dieser Film daherkommt. Doch das täuscht. Denn gerade diese Leichtigkeit ist es die nicht selbstverständlich ist, die filmisch herzustellen die weitaus größere Herausforderung beinhaltet, als irgendwelche computergesteuerte Aufnahmetricks.
In einem ganz anderen Zusammenhang, auf einem ganz anderen Kanal (3sat), wurde an diesem Abend Hector Berlioz, schon in fortgeschrittenem Alter zitiert, wo er sich selber wohl, auf sein Leben zurückblickend, die Frage stellte, ob überhaupt, und wenn, in welchem Maße, das Element der Musik in der Liebe, bzw. die Liebe in der Musik vorhanden ist, und in welchem Maße letztendlich Liebe und Musik am Leben Anteil haben. So, oder so ähnlich zumindest, muß er es gesagt haben. Und die Antwort auf diese Frage, von einem Menschen der von beiden, sowohl von der Musik als auch von der Liebe nicht genug bekommen konnte, ist erstaunlich genug. Er kam nämlich, wohlgemerkt in fortgeschrittenem Alter! zur Erkenntnis, dass die Liebe, ein ganz wesentlicher (um nicht zu sagen: ausschließlicher) Teil der Musik beinhaltet, dass aber der Liebe nicht unbedingt dem Element der Musik innewohnt. Das hat zur Konsequenz, dass Musik wohl als Ersatz für Liebessehnsucht, für Liebesrituale, auch für deren Verlust dienen kann, während diese sehr wohl auch ohne Musik auskommen können.
Was hat nun das alles mit „All den schönen Versprechungen“ zu tun?
Nun, da wird nämlich auch der Versuch unternommen, Musik stellvertretend für verlorene Liebe, für unerfüllte Liebe, für krankhafte Liebe, aber auch für hoffnugsfrohe, neugierige Liebe, in beispielhafter Weise agieren zu lassen. Daher ist der Vergleich gar nicht so abwegig, wenn man von kinematographischer Kammermusik spricht.
Die Geschichte erzählt von dem Liebesleben einer dreiköpfigen Familie: Mutter, Vater und Tochter. Dazu kommt es nach dem Tod der Mutter, als die Tochter, inzwischen 38-jährig, die elterliche Wohnung veräußert, und dabei das Testament des früher verstorbenen Vaters findet, indem dieser die Existenz einer Geliebten gesteht und deren testamentarische Berücksichtigung fordert, unter anderem auch damit, dieser eine Schallplatte der Edith Piaf, mit dem besagtem „L’Hymne à l’amour“, zu vermachen. Damit wird schon der Zusammenhang zwischen dem Geschehen, und der dafür zuständigen Musik verdeutlicht: hier ist es die schicksalhafte Musik und die radikale Interpretation der Piaf, die für tief empfundene, aber unerfüllte Liebe steht. Zufälliger Weise, insofern man an so etwas glauben kann, ist es die gleiche Melodie, die auch für eine tragisch endende Liebesbeziehung der Mutter steht, von der allerdings der Vater, Zeit seines Lebens, nie etwas erfahren hat.
Die Tochter, bezeichnender Weise auch Musikerin, eine Cellistin übrigens, die gerade eben selber in eine ähnlich krankhafte Liebesbeziehung einbezogen ist, beschließt die Geliebte des Vaters, am Ort ihrer eigenen Kindheit zu besuchen. Damit wird diese Reise für sie, auch eine Reise in die Vergangenheit, mit der finalen Erkenntnis, dass vieles im Leben ihrer Eltern unausgesprochen blieb, gesellschaftlichen Zwänge und Vorstellungen unterworfen war, und vor allem, dass sie selber gerade im Begriffe war, sich all den krankhaften Neurosen der vorangegangenen Generation zu unterwerfen. Das führt letztendlich zum Befreiungsschlag, nicht zuletzt durch die tatkräftige Unterstützung jener Frau, der es schon mal in ihrem Leben gelungen war, durch aufbäumen all ihrer Kraft, sich aus ähnlicher Situation zu befreien, indem sie sich vom Vater, der sie nun besuchenden Tochter, getrennt hat. Sie verläßt als neuer Mensch den Bahnhof, in dem sie, ebenso bezeichnender Weise, von ihrer Reise kommend eintrifft, und zwar als ein Mensch der für jede Liebe offen ist, der sich der Liebe nicht mehr versklaven wird, der den Mut haben wird wann immer zu einer neuen Liebe zu stehen und sich zu ihr zu bekennen.
Ein neuer Mensch eben, keine Frage!
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