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          DIE WEINBERGZEITUNG  2011

 

 

Also eigentlich wollte ich, ehrlich gesagt, in diesem Jahr einfach mal durchschlafen.

Irgendwie ist mir so danach zumute, so ein ganz langer Winterschlaf ist doch was Feines. Schlafen an sich ist schon herrlich; traumhaft oder traumlos, das ist mir egal.
Aber zwischendurch gibt es so Phasen, in denen mein Schlaf oberflächlicher wird und ich empfindlicher dafür werde, dass Leute an mich denken. Ja, da staunt Ihr, das nehme ich nämlich wahr!

Oh je!, ich habe mich ja noch nicht vorgestellt: Also ich bin der dicke, alte Weinberg.

Eigentlich habe ich mich gar nicht viel verändert. Wie sagt Ihr Menschen doch? “Du bist gar nicht älter geworden!” Tja, ich lebe und denke eben in ganz anderen Zeiträumen als Ihr Zwerge! Aber da es bei mir eben alles sehr gemächlich zugeht , finde ich es eigentlich ganz lustig , wenn Ihr Menschen so auf mir rumwuselt - nur nicht im Winter. Der Walter guckt manchmal vorbei, o.k., gucken darf er, aber wehe, er macht mehr. Damit er nicht meinen Winterschlaf stört, habe ich einfach mal bei den Stadtwerken Bescheid gesagt, dass sie für einen Monat die Heizung abstellen sollen. Dann fiel die Temperatur im Dezember auf -10°. Da hat der Walter mich in Ruhe gelassen und hat sich in seine Gaisbergstraße verkrochen. Ich habe gerade noch so mitgekriegt, dass er da öfters im Keller steckt und Bücher zurechtschneidet. Ich dachte bisher, Bücher seien zum Lesen da, aber Walter , der schneidet sie. Da er die Bücher verlegt, wundert es mich nicht, dass er, um sie zu suchen, in den Keller muß. Wie gut, dass ich nichts verlegen kann!

 

Tja, die Gaisbergstraße. Seit Monika und Walter von der Bergheimer Straße in die Gaisbergstraße umgezogen sind, kommen sie gar nicht mehr so oft zu mir. Nun  haben sie in der Gaisbergstraße nämlich einen Balkon und überhaupt mehr Platz. Jetzt bin ich nicht mehr so attraktiv für sie. So sind die Menschen!

 

Der Hans liebt mich auch nicht mehr so heiß und innig, seit Alina und Diana aufgetaucht sind. Nun ja, vielleicht kommen sie mal alle zusammen im Sommer vorbei und er zeigt dann den beiden, wie sich so ein romantischer lauer Sommerabend auf meiner Terrasse anfühlt! Das ist viel besser als bei ihrem Türkei-Urlaub neulich ! Und meine Weintrauben, die kriegt ihr nicht in der Türkei.

Dieses Aroma, puh, das wirft einen um! Mich natürlich nicht, aber Euch. Ins Wasser, was sie sich aus meinem Löß holen, habe ich kein Fluor oder  Chlor getan, wie Ihr es mit  Eurem Leitungswasser macht , sondern ein spezielles Weinberg-Aroma (das Rezept kennt noch nicht mal der Walter. Alles muß er ja auch nicht wissen).

 

Außerdem gibt`s einen Vorteil: meine Speisekarte ist klein , aber es sind  handverlesene Angebote.  Einige “Teilchen” müßt Ihr dann aber  selber im Korb beischaffen. Damit ist allerdings die Gefahr von wundersamen Speckrollenbildungen sehr gering.

 

Bei Monika ist für Arbeiten in ihrer Abteilung ein neuer Begriff eingeführt worden:

Schlemmern. Seither springt sie im Sechseck. Das gibt ganz tolle Muster auf dem

Fußboden. Bei Dagmar heißt das jetzt “Stiefeln”. Man muß nur aufpassen, dass man bei solchem Chefwechsel nicht zum Stinkstiefel wird.

 

Ja, und dann ist da noch Gabriela. Sie wohnt ja in Schwetzingen. Im übrigen ist Heidelberg ein Vorort von Schwetzingen. Das hat sich so entwickelt, nachdem Gabriela nach Schwetzingen gezogen ist.. Da wurde dann eine Art Autobahn nach Schwetzingen gebaut, damit man Gabriela und ihre Eltern  jetzt schneller besuchen kann. Ich kenne Gabriela noch nicht so richtig .Sie war bisher sehr zurückhaltend.

Sie hat aber ihre Eltern Oliver und Margit dazu bewogen  , einen  Ofen mit Fenster  ins Wohnzimmer zu stellen, so dass sie jetzt das Feuer direkt  wahrnehmen kann. Eigentlich wollte sie sehen, wie das Feuer in meinem Innern aussieht, aber  da war gerade bei mir Inventur , deswegen konnte ich ihr das nicht zeigen.

Ansonsten weiß ich, dass Gabriela in ihrem Hofgarten Zucchinis anbaut. Das ist etwas , was uns verbindet, ich habe auch einige von diesen Dingern im Sommer auf einer meiner Terrassen. Monika und Walter nehmen sie dann mit, und auf ihrem Nachhauseweg landet  manchmal so eine Keule im Dallgarten 4 in Dagmars Fahrradkorb. Wenn das so weiter geht, wachsen die Zucchinis wohl bald im Dallgarten an.

 

Gabriela läßt sich gerne etwas von Oliver vorlesen, das habe ich auch gehört. Das kann er ja eigentlich auch mal bei mir tun, mich würde das auch interessieren, was er da so liest. Sonst muß ich eben immerzu fernsehen (meistens kommt etwas vom Kaiserstuhl).

 

Arturo ist nicht so zurückhaltend . Er ist auch einer von den Kurzen. Er tanzt Monika und Walter immer auf dem Kopf herum. Dann wackelt die Decke in der Gaisbergstraße. Gegenüber von ihnen wohnt Tabea. Aber wohl nicht mehr lange.

Ich sage doch: Die Menschen sind eigenartig: Kaum hat man sich an sie gewöhnt, dann ziehen sie schon wieder weg. Das nennt man bei ihnen “Flexibilität”. Alle sind ganz scharf darauf, flexibel zu sein.

Ich bleibe lieber an Ort und Stelle, gucke tagsüber auf die Rheinebene und abends auf den dicken hellen Mond. Das ist meine Laterne. Und wenn ich mich mal räuspere, kommt ein Echo von meinen Kollegen , den Pfälzer Bergen zurück. Kriegt Ihr auch so schnell ein Echo? Ich glaube, Ihr müßt Euch mehr anstrengen..

 

 

Ja, Ihr habt`s manchmal wirklich nicht einfach. Am Ende des Monats müßt  Ihr immer  Geld zählen  und gucken, was Ihr damit anfangt. Ich habe alle Eure Sorgen nicht, ich habe einfach kein Geld. Mir ist es ja so egal, ob Eure Wirtschaft gut läuft. Ich ver- stehe  das sowieso nicht, wie man erst soviel produzieren kann, dass man es aus dem Land schaffen muß, um dann andere Waren wieder reinzuholen. Warum dieser ganze Aufwand? Für all diese Anstrengungen verbraucht Ihr doch soviel Energie, die z.B. aus dem Atomkraftwerk da drüben kommt. Und der Abfall, den das Atomkraftwerk produziert, ist Euch dann egal. Da denkt Ihr : Wir haben ja den Weinberg, in den bohren wir einfach ein tiefes Loch , und dann verschwindet der ganze Müll darin. Da habt Ihr Euch aber geschnitten. Ich bin doch nicht Euer Abfallberg!!!! Wenn Ihr mich so behandelt, dann bekommt Ihr mal eine andere Seite von mir zu spüren.

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Wir Berge können nämlich auch anders. Neulich waren ein paar Kollegen von mir einige Kilo- meter weiter nördlich auch stocksauer und haben vor Wut gebebt. Ja, wenn Ihr nicht auf uns hören wollt, bleibt uns nichts anderes übrig, als zu solchen Maßnahmen zu greifen.      

                                                          

Da war übrigens noch was anderes in der Vergangenheit. Irgendwann einmal standen

da so Typen mit grauen Anzügen an meinen Füßen. Sie quatschten irgendwas von Tunnel bohren bis zum Heidenloch (Heiligenberg). Von dort aus gibt es ja Verbindungen unter dem Neckar durch zum Schloß  und außerdem zum Stift Neuburg.. Das Projekt nannten sie “Heidelberg 21”. Ich habe denen dann aber was gehustet und ihnen gesagt, sie sollen nach Stuttgart gehen.

Kennt Ihr eigentlich das Heidenloch?

 

Michael wohnt übrigens immer noch in der Rohrbacherstraße 35. Es gibt Pflanzen, die gelten als besonders resistent gegen Schädlinge. Aber offensichtlich gibt es auch Menschen, die superresistent sind. Der Schädling hat inzwischen auch einen Namen :

“Moretti”( nicht “Marotti“)! Er hat das Haus mit seinem verwunschenen Garten, in dem Michael wohnt, gekauft und wollte ihn rausekeln. Das ist ihm aber nicht gelungen dank Michael und Mieterbund (Proletarier aller Länder, vereinigt Euch).

Dieser Moretti arbeitet mit System .Er kauft so ein renovierungsbedürftiges Haus

auf , verbessert ein bißchen das Outfit des Hauses und verkauft dann die einzelnen Wohneinheiten für eine Riesensumme. Ich sag`s Euch, diese Morettis verändern Eure ganze Stadt. Die Leute, die nicht  soviel Kohle dafür hinlegen wollen, müssen dann längerfristig oft  wegziehen. Das nennt man Gentrifizierung. Paßt auf Kultur und Flair Eurer Stadt auf , sonst wird`s langweilig in Heidelberg. Wenn Michael nach Mannheim ziehen wird , ist er nicht der erste. Pio ist ihm vorangegangen..-

 

Dieser Moretti war mal bei mir. Erst ist er um mich rumgeschlichen und hat mich so gemustert., hat noch kurz seinen Taschenrechner gezückt, dann war er weg. Und später ist er wiedergekommen und hat bei mir angeklopft. Ganz nett hat er sein Anliegen vorgetragen und gesagt, dass er sehen würde , dass bei mir vieles renovierungsbedürftig sei, sozusagen im Argen läge. Er würde Abhilfe schaffen und . einen englischen Rasen auf meinem Rücken anlegen wollen, um dann einen neuen Golf-Platz anzulegen (= neue Disziplin, das Abhangsgolfen).  Ich habe mich bei soviel Ignoranz und Unverschämtheit einmal geschüttelt und ihn einfach abgeworfen.

 

Der Typ hat  keinen Stil. Er sieht nicht meine  Blümchen, meinen Salbei und Thymian, meine Pfefferminze, meine Himbeeren und Äpfel neben all dem Wein. Der Mann erkannte nicht, dass er vor einem Paradiesgarten stand. Sein Taschenrechner hatte ihm seine Rendite gesagt, und die war sein eigentliches Anliegen. Monika und Walter haben dann das einzig Richtige gemacht und auf der Rückseite der

Rohrbacherstraße , nämlich in der Gaisbergstraße , die Wohnung gekauft. Die kann der Moretti erstmal nicht kriegen. Habt Ihr alle nicht noch etwas Geld übrig, das Ihr zusammenlegen könnt.? Vielleicht könnt Ihr dann  zusammen eine weitere Wohnung kaufen. Diesem und ähnlichen Burschen muß man einfach das Handwerk legen. Rendite könnt Ihr meinetwegen auch erwirtschaften, aber denkt daran, dass das nicht alles im Leben ist.-

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Apropos Thymian, Pfefferminze, Himbeeren. Ich weiß , das ist alles Walter und Monika zu verdanken. Aber umgekehrt gestatte ich ihnen auch, sich bei mir auszutoben. Diese Banater sind schon quirlige Typen. Zwischendurch dachte ich schon, dass ich ganz verbanatert werde , und daß kaum ein anderer mehr  zu mir kommt. Dagmar hat sich schon fast ganz in den Wald am Hohen Nistler verzogen

( demnach ist dieser Berg ein bißchen preußisch geworden). Aber auch die Schwaben (z.B. Margit) üben vornehme Zurückhaltung mit Besuchen. Dabei könnten sich doch alle   Geschichten aus ihrer  Jugend, aus ihren früheren Wohnorten erzählen oder auch über die Zukunft . Doris könnte Heidelbergerisch schwätzen oder Kurpfälzer  Dialekt.

 

Im übrigen: Ich bin die Zukunft ! Mich kriegt man nicht so leicht weg von hier.

Jedenfalls würde es mich freuen, wenn Ihr mal kämt, ich beiße nicht.

 

Ja Doris. Sie ist eine von den neuen jungen Alten. Puh, ist die sportlich! Aber sie hat sich auch schon immer viel auf dem Sportplatz rumgetrieben. Das scheint der reinste Jungbrunnen zu sein. Ich habe mir schon überlegt, was ich mir davon abgucken kann. Frühsport? Ich muß mal sehen, wie ich das in mein Tagesprogramm reinkriege. Im Prinzip ist Frühsport gut, denn Nordic Walking geht bei mir schlecht.

Was , Ihr glaubt nicht, dass ein Berg sich bewegt? Ich bin immer in Bewegung, nur so, dass man`s nicht sieht. Ja, so ist das, man wird immer verkannt, das ist mein Schicksal. Ich glaube , da muß ich noch nachbessern und sicherlich einiges von Doris lernen.

 

So, das wär`s für heute!!!

 

Ich grüße Euch herzlich und wünsche Euch allen ein gutes neues Jahr!!!

 

Euer Weinberg