arte, Mi 03.09.2003
Finnlandia
Spielfilm / 112. Min. / Deutschland 2000
Regie: Eleni Ampelakiotu & Gregor Schnitzler
Buch: Eleni Ampelakiotu & Karl-Heinz Zubrod
nach der gleichnamigen Erzählung von Martin Grzimek
Musik: Wilhelm Stegmaier
Mit: Caroline Baehr (Sophie), Marc Hosemann (Alex), Erdal Yildiz (Pierre) u.a.
„Wir müssen gleich da sein!“
Waren das seine letzten Worte? Und wenn es sie waren, was meinte er damit? Welches Ziel stellte er sich eigentlich darunter vor? Ein banales Reiseziel einer noch banaleren Urlaubsreise, oder doch vielmehr: das Ziel schlechthin, das Ziel der Reise, nämlich das Ende jeder Reise, der Tod.
Dabei ist die Geschichte doch tatsächlich so banal wie wahrhaftig. Es ist die Geschichte einer Frau und eines Mannes, die Geschichte ihrer Liebe und deren Ende, die Geschichte des ungeborenen Lebens und des eintretenden Todes, und ganz nebenbei, die Geschichte unserer Zeit, mit dem Widerspruch zwischen der Geradlinigkeit, den Ecken und Kanten unserer Modernität, und der Sehnsucht nach den runden Formen der Natur und ihrer unbeirrbaren Zwangsläufigkeit.
Die Geschichte ist von allem Anfang an abgrundtief traurig. Denn wir wissen schon von allem Anfang an, daß die junge Frau, die uns die Geschichte erzählen wird, ihren Gatten, ihren Mann, oder gar ihren Freund, unter tragischen Umständen verloren hat. Offenbar ertrunken, irgendwo in Finnland, im Schilfmeer einer der unzähligen Inseln des Landes. Sie selber wurde gerade noch so, mit Wiederbelebungsmaßnahmen, zurück ins Leben gebracht, und dafür muß sie nun den Menschen Rechenschaft ablegen, warum sie lebt und der andere tot ist. Und weil jeder Tod eine Ursache hat, erfahren wir nun all das, was zu diesem einen Tod geführt hat. Denn erst nach dem Eintreten des Todes merken wir Menschen, daß sich dieser meistens viel- und mehrfach ankündigt, und daß nur wir Menschen, durch unsere so genannte Zivilisation daran gehindert, seine warnende Ermahnungen nicht mehr wahrnehmen, oder schlichtweg ignorieren.
Und genau an diesem Punkt, beginnt die anfänglich so anrührende Geschichte, erste Risse aufzuzeigen. Denn der Mann und die Frau, bedingt durch ihr Sein in der modernen Gesellschaft, sind unterschiedlich weit weg vom Zentrum ihrer Natur, und reagieren dementsprechend völlig unterschiedlich auf deren Warnsignale. Während die Frau noch auf ihre innere Stimme hört, zumal sie ungeborenes Leben unter ihrem Herzen trägt, ist der Mann so sehr künstliches Gezücht sogenannter Zivilisation, so unerbittlich weit weg von seinem eigenen Ich, daß er durch seine Sehnsucht nach Einklang mit der Natur, wieder weit übers Ziel hinausschießt, und damit statt des Einklanges, nur klägliches Versagen und Scheitern erlebt. Daß den beiden erst angesichts des Zweikampfes mit der eigenen Natur ihre Unvereinbarkeit bewußt wird, macht sie zu traurig tragischen Gestalten unserer Zeit. Selbst der aus dem Nichts auftauchende, naturverbundene Bursche, dem die weibliche Seele weitaus mehr zugetan ist, kann etwas an der pessimistischen Erkenntnis ändern, daß der „zivilisierte Mensch“ gerade an seinem Fortschritt vereinsamt und letztendlich daran zu Grunde gehen wird.
Bezeichnend dafür die Bildersprache des Films. Das Agieren mit unkonventioneller Tiefenschärfe, statischer Architekturfotografie, oder mit Detailbilder als Leitmotiv, sind nie Effekthascherei, sondern entsprechen jedesmal tief empfundener Wirklichkeit. Unaufdringlich, aber unglaublich gegenwärtig und zweckdienlich ist die Geräuschkulisse. Dabei ist die extrem molltonhaltige Musik nicht einmal der wichtigste Part davon, obwohl sie in gleichbleibender Stimmlage allgegenwärtig zu sein scheint und nur haarscharf am Kitsch vorbeischrammt.
Frage: „Hast du das geplant, daß du so früh dein Kind bekommen hast?“
Antwort: „Von wegen!“
Frage: „Hast du es je bereut?“
Antwort: „Sehr oft sogar! Es hat aber einen Vorteil: man ist nie wieder allein.“
Nur einer von vielen gelungenen Dialoge, die man in diesem Film zu hören bekommt. Und was gerade obigen angeht, stellt sich automatisch die Frage, inwieweit dies gelebte Lebenserfahrung ist die aus diesen Worten spricht. Denn Eins ist gewiß: die Erkenntnis, daß das Muttersein, zum Unterschiede zum Vatersein, eher eine lebenslange Angelegenheit ist, die ist gerade in unserer heutigen Zeit nicht sonderlich populär und auch nicht unbedingt wünschenswert. Leider! Um so erfreulicher dies in einem Film des Jahres 2000 zu hören.
Zurück nun zur Geschichte! Die gerettete Frau erzählt nun einem Beamten und dessen Tonband die Geschehnisse, die letztendlich zu dieser Überfahrt, über die vom Sturm hochgepeitschte See führte, in der ihr Gatte, ihr Mann, oder gar ihr Freund, dann mit seinem Boot kenterte und dadurch genau jenes Todes starb, nämlich den durch ertrinken, vor dem ihn sein Vater als Kleinkind schon bewahren wollte, als er ihn, weil er Angst vor dem Wasser hatte, einfach ins Becken warf, und ihn in seiner Todesangst zum schwimmen zwang. Sie erzählt nun die Geschichte als eine einzige Reihenfolge von Geschehnisse, die nun im Nachhinein den Tod des Gatten, Mannes oder gar Freundes, als Vorahnung antizipierten. Allerdings nicht nur seines Todes, sondern auch des ihren. So trifft sie noch einmal, ein Tag vor der Abreise, ihren einstigen Freund, der sie offensichtlich gerne noch einmal sehen würde. Noch am Tag ihrer Abreise, fahren sie durch die Straße ihrer Kindheit und steht letztendlich vor den Trümmer ihres einstigen Elternhauses, von dessen Treppenhausbelag sie ein Stückchen mit auf die weite Reise nimmt.
Der Reiseantritt als Abschiednehmen. Das ist die ganze Geschichte. Und das Ziel der Reise ist nicht Finnland, denn hier geht die Reise ja weiter. Ziel der Reise ist, wie bereits oben gesagt, das Ankommen: „Wir müssen gleich da sein!“
Wie recht er doch hatte.
Walter Roth |