Residenz Theater, Di 25. 05. 2004
- Öffentliche Hauptprobe -
Mass für Mass
von William Shakespeare
Deutsch von Michael Wachsmann
Regie: Dieter Dorn
Bühne, Kostüme: Jürgen Rose
Musik: Rudolf Gregor Knabl
Dramaturgie: Hans Joachim Ruckhäberle, Rolf Schröder
Mit: Rainer Bock: Vicentio, der Herzog; Stefan Hunstein: Angelo, der Statthalter; Helmut Stange: Escalus, ein betagter Lord; Oliver Möller: Claudio, ein junger Herr; Sunnyi Melles: Isabella, seine Schwester; Beatrix Doderer: Julietta, seine Verlobte; Thomas Loibl: Lucio, ein Dandy; Jörg Hube: Pompejus Sterz; Janko Kahke: Ellbogen, ein schlichter Konstabler; Robert Joseph Bartl: ein verkommerner Gefangener; u.a.
Es war ja „nur ´ne Hauptprobe“ könnte man sagen, um damit dann die Fragwürdigkeit einer solchen Inszenierung herunterzuspielen. Doch wer mittlerweile das Ensemble des Bayrischen Staatsschauspiels kennt weiß, dass mit der Hauptprobe im Wesentlichen alles gelaufen ist. Und dann stellt sich schon die Frage warum man gerade diesen Shakespeare inszenieren mußte, und vor allem: warum so?
Denn wenn es schon noch nachvollziehbar ist, dass Shakespeare seine Kunst 1604 in den Dienst eines Despoten stellte, nämlich König Jakob I., und damit wohl diesem zu gefallen wußte, so stellt sich nun doch die Frage wem man mit dieser Inszenierung entsprechen wollte? Unserem bayerischen Landesvater Edmund Stoiber, dem es ja auch schon einige Male gelungen ist sich über das Gesetz hinwegzusetzen und auf (Wahl-) Volkes Stimme zu hören? Eigentlich unvorstellbar! Wie erklärt sich dann aber die Tatsache, dass Regisseure Dieter Dorn den Ausnahmeschaupieler Rainer Bock, der den Herzog, so wie ihn schon Shakespeare wohl dachte, sehr glaubwürdig spielte, ohne mit der Wimper zu zucken seine Sentenzen verkünden ließ. Ist etwa unsere Demokratie in Gefahr, als dass damit darauf hingewiesen werden muß wie diese durch Machthaber unterlaufen werden kann? Auch wenn dem so ist, kann man trotzdem nicht akzeptieren, die wesentliche Aussage einer Inszenierung so verquer präsentiert zu bekommen.
Und geradezu absurd wird es dann, wenn der Herzog Neigung fühlt „allen zu verzeihen“. Wie sich wohl all die Frauen im Saale fühlten, als die arme Mariana um das Leben ihres zwangsvermählten Angelo zu betteln begann, wäre sicherlich sozial-wissenschaftlich sehr interessant gewesen zu erfahren, erst recht als der in Fahrt gekommene Herzog, wohl als Gegenleistung seiner Mildtätigkeit, Isabella zu ehelichen begehrt. Das mag vor genau 400 Jahren richtig witzig gewesen sein – heute ist es nur noch grotesk.
Apropos witzig! Nach dem Besuch dieser Inszenierung fragt man sich allen Ernstes, ob sich Shakespeare da nicht einen üblen Scherz erlaubte, als er diesen Text zu einer Komödie zugehörig einstufte. Denn zu lachen gab’s hier nichts! Oder zumindest nur kaum. Und wenn, dann auch nur aus der Peinlichkeit der Situation heraus. Richtige Situationskomik kam keine auf! Auch die wenigen richtig komischen Charaktere des Stückes, wie etwa die des Pompejus Sterz, oder Ellbogen, blieben weit hinter dem zurück was ihnen der Text ermöglichte.
Da half auch nichts, dass Jürgen Rose, der für Bühnenbild und Kostüme zeichnete, ihnen überproportionale Hinterteile verpaßte. Sie wirkten darin, wie wohl auch beabsichtigt, zwar lächerlich, doch von der Lächerlichkeit als Klamauk, bis hin zur deren Sublimierung, indem eine ganze soziale Schicht vorgeführt wird, liegen Welten. Und wenn das je deutlich vor Augen geführt wurde, dann in dieser Inszenierung.
Das Bühnenbild hingegen mußte einem höheren Sinn entsprechen und konnte demzufolge auch nicht dem Anspruch gerecht werden, dem Spiel der Akteure entgegen zu kommen. Dieser höhere Sinn wird einem, wenn man nicht unbedingt zu den Eingeweihten des Dorn’schen Teams gehört, erst im Nachhinein klar, aber auch nur dann, wenn man freundlicher Weise darauf hingewiesen wird, beim Verlassen des Hauses sich doch die Präsentationsbroschüre der Spielzeit 2004 / 2005 mitzunehmen. Darin schreibt Hans Joachim Ruckhäberle: Das Theater ist der einzige Ort, wo alles geht, die virtuelle neben der wirklichen Welt, die reale gegenwärtige Zeit, die vergangene und die zukünftige: verdichtet in der Dauer einer Aufführung. Es geht Alles, doch nichts Beliebiges. [...] Verantwortlich ist das Theater für das, was es zeigt und für das, was es sagt. Sein Beharren ist, dass sich künstliche Räume darstellen lassen, Geschichten von und zwischen Menschen erzählen lassen, die weder nur subjektiv sind, noch nur gerade zeitgemäß erscheinende Phänomene abbilden.
Um diesem Anspruch gerecht zu werden, läßt Rose Bühne und Zuschauerraum ineinander fließen, läßt Dorn die Schauspieler den Ort des Geschehens aus allen Richtungen betreten, sei’s über den Zuschauerraum, sei’s über die Bühne, oder dem Bühnenboden. Nur von oben kommt niemand. Von oben kommt nur die Musik, und die ist eindeutig wienerisch: lieblich und subversiv zugleich.
Den zentralen Ort des Geschehens hat Rose mit einem tempelartigen, auf vier Säulen stehenden Gebilde markiert, das je nach Bedarf mal Amtsstube, mal Gefängnis, mal Nonnenkloster und mal öffentlicher Platz am Stadttor sein soll. Dass es gleich solch mächtige Säulen sein mußten das dahinter für so manchen Zuschauer die Schauspieler vollkommen verschwinden, wird das Geheimnis des Bühnenbildners bleiben. Soll es auch, denn eine vernünftige Erklärung dafür gibt es wohl nicht. Dass die beidseitig der Bühne aufgestellten, mit Fratzen bemalten Wände der erweiterte Zuschauerraum darstellen soll, wird einem, wie bereits gesagt, erst nach der Lektüre der Spielzeitbroschüre klar, oder zumindest ist man erst dann in die Lage versetzt diese so deuten zu können. Schleierhaft bleibt allerdings die grobe Ausführung der Physiognomien. Assoziiert man sie mit der Überdeutlichkeit mancher Kostüme, läuft man Gefahr, das Publikum mit der „niederen“ sozialen Schicht aus dem Stück auf gleiche Ebene zu stellen. Und das kann kaum so beabsichtigt sein!
Das Theater ist der Ort der „unendlichen Verantwortung“(Bailly), denn alles, was hier stattfindet, ist beabsichtigt, gespielt und inszeniert, bewusst-gemacht. Liest man diesen Satz Ruckhäberles nun nach dieser Inszenierung, so fragt man sich, wo zum Teufel er nur war, dass er nicht merkte wie sein Ensemble gerade dabei war, diesen doch so wahren Satz völlig zunichte zu machen. Denn man kann, bei bestem Wille, das Ensemble des „vorsätzlichen Mordes“ nicht freisprechen. Umso mehr wo man nun weiß, dass der obige Satz ihm bekannt gewesen sein muß.
Und so bleibt unverständlich, wieso ein Rainer Bock nicht aufbegehrt, wenn er dazu angehalten wird, eine unzeitgemäße Rolle wie die des Herzogs, unzeitgemäß zu spielen. Da genügt es nicht sich darauf zu berufen, dass im Theater alles geht, dass die virtuelle neben der wirklichen Welt, die reale gegenwärtige Zeit, die vergangene und die zukünftige nebeneinander existieren können. Das können sie wohl, und der Schauspieler hat auch die Instrumente und die Begabung Unzeitgemäßes, aus welcher Zeit auch immer, sich anzueignen und zur Schau zu stellen. Der Zuschauer jedoch hat diese Möglichkeiten allerdings nicht. Diesem verkrampft sich der Magen angesichts solcher Worte, die Rainer Bock als Herzog spricht. Das ist wie Tote auferstehen lassen, die dann Sachen sagen, die schon immer Unheil angerichtet haben. Theater kann nicht den Geschichteunterricht ersetzen wollen!
Es gibt allerdings eine noch viel weniger schmeichelhafte Erklärung dafür, warum ein Rainer Bock nicht aufbegehrt. Dass Schauspieler noch nie Helden waren, ist eine bekannte Sache. Dass sie sich gelegentlich aus purer Eitelkeit zu Marionetten instrumentieren lassen, genauso. Und so kommt es dann dazu, dass auch eine Sunnyi Melles zu Kreuze kriecht und einen Frauentyp verkörpert, den sie so, in keiner historischen Epoche, noch in irgendeiner Lebensphase, gutheißen könnte.
Noch verheerender fällt das Urteil für den sehr unglücklich agierenden Stefan Hunstein aus. Selten hat man die Möglichkeit einen so guten Schauspieler, so schlecht zu sehen. Dabei ist er nur deshalb so schlecht, weil er sich sklavisch an Text hält, und blindlings glaubt das dieser ihn schon retten werde. Das Ergebnis ist dann, dass man mitleidig über ihn lächelt, ja ihn fast bedauert für sein unnützes Bemühen. Man kann ihm nicht einmal, wie im Falle Rainer Bocks oder Sunnyi Melles’ Fehlverhalten akkreditieren.
Und wer Thomas Loibl und Jörg Hube in der Die Wände-Inszenierung gesehen hat, dem wird schnell bewußt, dass die beiden Herren ihre dort geschaffenen Rollen in diese Shakespeare Inszenierung herübergerettet haben. Dazu ist weiter nichts zu sagen. Auch zu den anderen Rollen nicht.
Fazit: ein Fiasko!
Überflüssig und unangebracht!
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