Residenz Theater, Donnerstag, 18. April 2002
jazz lines Festival
Louis Sclavis „Napoli’s Walls“
Médéric Collignon: tp, voc; Vincent Courtois: cello;
Hasse Poulsen: git; Louis Sclavis: cl, sax.
„Zufälle gibt es nicht“, sagt man und vermeint dabei daran zu denken, daß es eigentlich den Zufall nicht gibt, weil dieser immer nur dann eintretet, wenn das Schicksal uns einen Fingerzeig geben will, sei es um uns auf Bevorstehendes aufmerksam zu machen, oder auch nur um uns das schon Eingetretene in seiner Unabwendbarkeit zu bestätigen. Sicherlich ist es durchaus möglich, das beide Konstellationen gleichzeitig in Erscheinung treten, dementsprechend ist dann die Durchschlagskraft der unzufälligen Zufälligkeit um so wirkungsvoller.
Auch wenn man den eben dargestellten Zufälligkeitssituationen mit gehöriger Distanz und Ironie begegnet, ergibt sich manchmal die unvermeidbare Situation, einer zufälligen Momentaufnahme eine gewisse Schicksalhaftigkeit nicht absprechen zu können. Ob man dies dann eher dem Zufall oder doch eher dem Schicksal zuschreibt, bleibt nach wie vor eine sehr persönliche Angelegenheit, weshalb auch an dieser Stelle wohl der Hinweis zu erbringen ist, dass die Wertung der folgenden Gegebenheiten jedem anheim gestellt bleibt.
Louis Sclavis‘ ist sicherlich in der internationalen Jazzszene zu recht eine wahre Größe, obwohl er in diesem einen Falle, vom Saalfeldener Jazzfestival 2000 (wo er gemeinsam mit Catherine Jauniaux innerhalb der ‚Shortcuts‘ aufgetreten war), eine durchaus interessante, aber asketische, experimentelle Vorstellung in Erinnerung hinterlassen hatte, die allmählich dem Langzeitgedächtnis zu entschwinden drohte. Nun präsentierte er sich im Münchner Residenz Theater, innerhalb des jazz lines Festivals in vierköpfiger Besetzung, in einer mit „Napoli’s Walls“ betitelten Abendvorstellung, die gerade aus eben angesprochener Erinnerung heraus den Rückschluß zuließ, dass es sich dabei um konzeptuell detaillierte Kompositionen ging, die dennoch genügend Freiräume für musikalisches Spiel und Improvisation lassen.
Dem Tag des Konzertes waren drei schwere Arbeitstage vorausgegangen, deren Ablauf man wohl am besten damit umschreiben könnte, als dass sich dabei einfach die falschen Leute, zum falschen Zeitpunkt am falschen Orte befunden haben. Wenige Tage zuvor hatte es hingegen Anlass zur Freude gegeben, weil vom Arbeitgeber die Zusage eingegangen war, nun doch in den für die Pfingstferien geplanten und in Italien, bei Neapel anberaumten Urlaub fahren zu können.
Insofern hätte die Korrelation zwischen Urlaubsziel und Konzert längst augenfällig werden müssen, doch wie das oftmals so ist, wird einem der Zusammenhang erst deutlich, wenn er längst schon eingetreten ist. Ähnlich war es hier, wobei an dieser Stelle vielleicht schon gesagt werden sollte, dass man gerne von den Künstler selber nähere Angaben über ihre Beziehung zu dieser Stadt gehabt hätte, etwa ob ihre Musik deshalb von Neapel handelt, weil der- oder diejenigen die für die Kompositionen verantwortlich zeichnen, hier in Neapel leben oder auch nur hier zu Besuch weilten, oder ob sonst irgend etwas anders dafür verantwortlich ist, dass sie die Überschrift „Napoli’s Walls“ für ihr Konzert wählten.
Tatsächlich war es nun so, dass erst die Musik selber und auch die wiederholte Bezugnahme auf die Stadt Neapel, in all den Kompositionen des Abends den Zusammenhang so richtig gegenwärtig erscheinen ließ und damit eine leicht obsessive, der Schicksalhaftigkeit des Augenblicks zugeneigte Haltung aufkommen ließ. Womit nun auch eine sonderbare Erwartungshaltung für den anstehenden Besuch der Stadt geweckt wurde, weil mit ihr nun auch gewisse Wiedererkennungsmerkmale aus der Musik, die Unvoreingenommenheit des Blickes belasten.
Ganz so deutlich war dies alles, wie schon gesagt, von Anfang an nicht abzusehen, doch je mehr man sich der Musik und der Magie der Künstler öffnete und hingab, je mehr schien es zwischen diesen und der erwähnten Stadt, ein inniges Verhältnis zu geben, dessen Geschichte hier erzählt wurde, deren Handlungsablauf allerdings, der Phantasie der Zuhörer anheim gestellt werden sollte. Das Belastende und gleichzeitig Spannende daran nun war , dass man durch den unmittelbar bevorstehenden Besuch der Stadt, sozusagen die Probe aufs Exempel machen kann, um die hier erzählten Geschichten auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, hätten sie doch nur etwas detailliertere Angaben dazu gemacht. So ist man nun doch ziemlich auf sich allein gestellt, was zugegebener Weise auch wieder seinen Vorteil hat, weil man dadurch immer noch sagen kann, dass die von der Musik hervorgerufenen, der eigenen Phantasie entsprungenen Geschichten, zwar der unmittelbaren Realität der Stadt nicht zugeordnet werden kann, doch wäre dies weiter nicht von Belang, weil der ursprüngliche, schöpferische Augenblick, seine Wahrhaftigkeit in der subjektiv wahrgenommenen und künstlerisch verwerteten Momentaufnahme des Komponisten hat, die sich zwangsläufig erheblich mehr oder erheblich weniger, von der eigenen Augenblickswahrnehmung unterscheidet.
Doch ist dies letztendlich nichts als reinste Spekulation und wird in keinster Weise dem Genuss der musikalisch erzählten, napolitanischen Geschichten gerecht. Den zunächst etwas verhalten wirkenden Künstler, gelingt es sich frei zu spielen, auch dank des willig und begeistert folgenden Publikums und dadurch ein Feuerwerk an dynamischer, farbenprächtiger Improvisationskunst zu zellebrieren, die sowohl in ihrer sprudelnder Virtuosität, als auch in stillen, sinnlich daher kommenden Passagen, nur seltenst künstlich wirkten, sondern größtenteils doch immer musikalischer Wahrhaftigkeit und Improvisationslust verbunden blieben.
Die spannende Erzählweise dieser ‚napolitanischen Geschichten‘, ist vor allem dem hervorragend geführten musikalischen Dialog der beiden Hauptdarsteller, Louis Sclavis und Médéric Collignon zu verdanken, denen es immer wieder gelang, neue und überraschende Ausdrucksmittel zu finden, um den Geschichten die nötige innere Tiefe zu verleihen die ihnen angemessen schien. Offenbar befinden sich die vier Musiker noch in der Entstehungsphase ihrer künstlerischen Zusammenarbeit, was hie und da noch zu Unsicherheiten in der Wahl ihrer Ausdrucksmittel führte, andererseits jedoch sie veranlaßte, sehr hellhörig dem Dialog zu folgen und entsprechend der inneren Intention der Kompositionen, die offenbar alle Beteiligten tief verinnerlicht hatten, seinen Beitrag zu leisten.
Besonderer Beachtung in einem ganz anderen Zusammenhang, sei hier der musikalischen Erzählkunst Médéric Collignons gewidmet, und zwar weil er von allen vier Protagonisten, die alle mal mehr, mal weniger elektronische Klangverstärkung und Klangmalerei verwendeten, derjenige war, der diese Möglichkeiten verstärkt, bis hin zur solistischen Einlage einsetzte, dass man diese nicht länger als Hilfsmittel der musikalischen Vorführkunst bezeichnen kann, sondern sie wie ein eigenständig, virtuos geführtes Instrumentarium betrachten muß, dessen Ausdrucksmittel jedem anderen musikalischen Instrument ebenbürtig zur Seite steht.
Und als hätte es dieses Beweises überhaupt noch gebraucht, trat Médéric Collignon diesen hier an, und zwar in einer Art und Weise, die über jeden Zweifel erhaben ist. Denn kaum wird einem so deutlich wie an dem Vortrag Collignons, dass die beste Elektronik, die beste Hard- und beste Software, nur so gut und nur so nützlich sein kann, als ein Mensch, ein Künstler, damit umgehen kann. Wenn dieser in der Lage ist, die mathematisch genau agierende Elektronik, seiner tief empfundenen, künstlerischen Intention zu unterwerfen, dann ist dieses Wunderwerk der Technik, nicht länger ein selbständig wesensfremd klingendes Ungetüm, sondern einfach nur ein Musikinstrument wie jedes andere auch, das erst durch menschliche Intention zum Leben erweckt wird, zumal die schiere Größe von einst, einem handlichen Format, kaum größer als eine Zither, gewichen ist. Voraussetzung allerdings ist und bleibt der souveräne Umgang damit als Virtuose.
Es mag jedem anheim gestellt bleiben, ob er sich in der Lage sieht, diese Kiste voller Elektronik gleichwertig als Musikinstrument neben einer Stradivari zu akzeptieren. Unabhängig davon ist es eine Realität unserer Zeit, dass eben diese Kiste nun mal sämtliche Bereiche unseres alltäglichen Lebens durchdrungen hat und es ist wohl jetzt schon absehbar, dass der Mensch, bei aller Euphorie und allem Enthusiasmus über die Möglichkeiten die sich durch die Nutzung dieser Technologien ergeben, Gefahr läuft nur ihr gedankenloser Anwender, user zu werden und bei all dem Zwang die Sache doch in Griff zu kriegen, vielleicht übersieht, dass es auch hier letztendlich nur um die Erhaltung von Leben und der dazu nötigen Ressourcen geht. Wo immer man hinsieht und hinhört, ob in den beruflichen oder privaten Alltag, ob in Wirtschaft, Forschung oder Kunst - überall ist die Hardware und die Software der Maßstab aller Dinge. Einst so alltägliches wie das Brotbacken oder Wäschewaschen, sind heutzutage nur über die Frage der passenden Hard- und Software zu klären.
Und genau dazu tretet Médéric Collignon in eindrucksvoller Weise den Gegenbeweis an. Beim Anblick seiner künstlerischen Leistung, denkt man gewiß nicht vorrangig daran welche Elektronik ihm zu dieser Leistung verhilft, sondern man erfreut sich einfach seiner Mimik und Gestik, seiner Spontaneität aus der der Akt der Schöpfung kommt, nicht anders als es jene Menschen taten, die einst auf den mittelalterlichen Märkte, sich der gleichen künstlerischen Mittel der Schauspieler und Gaukler erfreuten. Der Mensch rückt wieder ein bißchen mehr in den Mittelpunkt durch seinen Vortrag, man erinnert sich plötzlich wieder daran (uns sei es auch nur für kurze Zeit), dass all die Hard-, und all die Software, das Internet und UMTS, Globalisierung und internationale Geldströme, zwar längst autarke Tatsachen sind, die Gefahr laufen könnten den Menschen aus den Augen zu verlieren, wenn eben diese Menschen sich nicht rechtzeitig besinnen, die Größenordnungen wieder ins Lot zu bringen.
Und wer wenn nicht die Künstlerseelen unter uns Menschen wären am ehesten in der Lage die Zeichen der Zeit rechtzeitig zu erahnen, zu erkennen und gar zu deuten. Louis Sclavis und seine Mannen sind angetreten um ihren Beitrag auch zu dieser und ähnlicher Debatten zu leisten. Es liegt nun an den Menschen aus ihrer Vergangenheit gelernt zu haben und ihren Künstler zu vertrauen.
Walter Roth |