taeter Theater, Sa 02. 07. 2005
Schmeckt’s?
Alltagskatastrophen von Fitzgerald Kusz, Loriot, Dieter Thomas, Thomas Bernhard,
Wolfgang Graczol / Georg Diez und Rainald Goetz
Inszenierung Wolfgang Graczol
Mit: Zimo Arnold; Dieter Aschoff; Yasmine Bertram; Annemarei Daiger; Manfred Fischer; Wolfgang Grazcol; Raoul Klooker; Hartmut Molling; Dagmar Obermüller; Rosina Pesek; Nikola Ruck; Beatrix Sayer;
Anne Steiner-Graczol; Erich Ueltzhöffer; Dieter Winkelmann.
Caligula
von Albert Camus
Deutsch von Uli Aumüller
Regie Wolfgang Maria Bauer
Bühne Klaus Teepe
Kostüme Evelyn Schönwald
Dramaturgie Peter Junkuhn
Leitung der Wiederaufnahmeproben Mona Kraushaar
Abendspielleitung David Jentgens / Mona Kraushaar
Ausstattungsassistenz Susanne Cholet
Soufflage Miguel Wegerich
Mit: Daniel Hajdu, Caligula; Elisabeth Auer, Caesonia; Paul Weismann, Helicon; Frederik Jan Hofmann, Scipio; Gerhard Palder, Cherea; Tanja von Oertzen, Senectus; Massoud Baygan, Metellus; Stefan Immholz, Octavius; Gunnar Blume, Patricius; Mariah Friedrich, Mereia; Daniel Graf, Mucius;
Anna Beetz / Mona Kraushaar, Mucius Frau; Jennifer Münch, Drusilla; Konstantin Bühler, Erzähler.
Der Gehülfe
von Robert Walser
Regie Hans-Ulrich Becker Bühne Katja Schröder Kostüme Elisabeth Rauner Musik Rudolf Gregor Knabl
Mit: Ulrike Arnold, Lena Dörrie, Anna Riedl, Christian Lerch, Michael Vogtmann, Stefan Wilkening und Yogo Pausch
Obwohl geplant, war letztendlich der spontane Besuch des taeter Theaters in Heidelberg eine Überraschung besonderer Art, da er Anlass gab das Gesehene in Relation zu den in letzter Zeit besuchten Theatervorstellungen zu betrachten, wie da wäre jene des Caligula, gespielt vom Ensemble des Heidelberger Theaters in der Jugendstilruine des Alten Hallenbades an der Poststraße, oder die des Gehülfen, nach einem Roman von Robert Walser im Münchner Marstall, als Inszenierung des Residenztheaters München.
Vorneweg sei gesagt, dass das taeter Theater, obwohl vorwiegend mit Laiendarsteller agierend, den andern beiden professionellen Bühnen die Show stiehlt. Denn von diesen drei besuchten Vorstellungen, ist die des taeter Theaters die nachhaltigste, also jene Art Vorstellung, an die man auch dann noch dran denkt, wenn man die beiden anderen wahrscheinlich längst unter Ferner liefen abgespeichert hat.
Dabei hatten es die beiden anderen Vorstellungen durchaus genauso in sich!
Denn mal ganz abgesehen von der zeitlosen Qualität Albert Camus’ Caligula, fällt als kaum zu überbietender Vorteil dieser Inszenierung die Wahl des Alten Hallenbades als Spielort ins Gewicht, so dass Caligulas Noch lebe ich! in diesem Ambiente eine zusätzliche Dimension bekommt, nämlich die, dass auch ein zwar totgesagtes Gebäude, jedoch von unbestreitbarer Qualität, letztendlich am längeren Hebelende steht und sich haushoch über das kleinliche, nichtige Menschengewusel erhebt. Auch sonst hat die Inszenierung ihre unverkennbaren Meriten, gerade und vor allem weil die Zusammenarbeit zwischen Regie, Bühnenbild und Dramaturgie hier eine dem Ganzen dienliche Symbiose eingegangen ist, so dass ein Spektakel daraus entstand das seiner Einmaligkeit gewiss ist.
So erschienen all die bespielten Örtlichkeiten innerhalb der einstigen Frauenabteilung des Hallenbades wie auf Bestellung für den Text erbaut. Die Zuschauerreihen sind amphitheatermäßig ins Schwimmbecken eingebaut worden, von dessen Grundfläche etwa 2/3 belegend, wobei der Zugang zu den untersten Reihen über die natursteinerne, von Zeit und unzähligen, nunmehr wohl kaum noch auf dieser Welt wandelnden Frauenfüßen abgerundete alte Treppe des Beckens führte, während das verbleibende Drittel der schräg herausragenden Bühne vorbehalten war. Zuschauer saßen auch am Beckenrand, wobei manche von ihnen es ein ums andere Mal mit den Schauspielern zu tun bekamen, da sich diese, mal mehr oder mal weniger auffallend, unter ihnen aufhielten und von hier ins Geschehen auf der Bühne eingriffen, was zweifelsohne dramaturgisch sehr sinnvoll erscheint, zumal die Identifikation des Zuschauers mit der einen oder anderen Rolle selbst von Camus wohl so gewollt ist. Dass sogar ein rundes Oberlichtfenster, umrahmt von einem gemauerten Rundbogen als Ort der Handlung für den Erzähler vorhanden war, dass die kreisrunde Dunstabzugsverkleidung in der Mitte der Hallendecke als Projektion des Mondes dienen konnte, dass der unauffindbare Caligula durch eine Luke in dem riesigen Straßenfenster den Ort der Handlung betreten konnte, all das bezeugt die glückliche Fügung von Erfundenem und Vorgefundenem.
Nur leider war man nicht so konsequent als das Umfeld es erlaubt hätte. Vor allem muss man der Regie ankreiden, dass sie die Schauspieler nicht bis zur letzten Konsequenz die Barriere zwischen Zuschauer und dem Bühnengeschehen durchbrechen ließ. So konnte man sich als Zuschauer, wenn man gerade nicht wirklich von einem Schauspieler daran gehindert wurde, immer noch gemütlich zurücklehnen und sich sagen: Interessant! Aber was geht mich das an! Auch bleiben so manche Einfälle der Regie zumindest fragwürdig, wie etwa die Wahl mancher musikalischen Einlagen, und erst recht das recht unbeholfene, viel zu ungelenke und langatmige pantomimische Gehabe darauf. Doch den größten aller Vorwürfe muss man der Regie wegen dem Spiel ihrer Akteure machen.
Wohl nur selten hat man Gelegenheit in einer öffentlichen Veranstaltung eine derart auseinanderklaffende schauspielerische Leistung verfolgen zu können. Während die ganze Besetzung von mittelmäßig bis miserabel die gesamte Palette schauspielerischer Unkunst vorführte, wirkte daneben das Spiel Daniel Hajdus als Caligula wie von einem anderen Stern.
Klar kann sich eine Regie darauf berufen, dass sie nur mit den ihr zur Verfügung gestellten Mitteln arbeiten kann, ähnlich wie ein Automechaniker oder Installateur sich darauf berufen kann, dass die Qualität seiner Arbeit in direkt proportionalem Verhältnis zu der Qualität seiner Materialien und Werkzeuge steht. Nur ist ein Schauspieler kein Hammer und eine Schauspielerin kein Amboss, sondern es sind Menschen denen man etwas mitteilen kann, und wenn man Regisseur ist, auch mitteilen können muss. Dieses Mitteilungsvermögen ist eben sein Handwerk. Oder auch nicht! Es kommt sicherlich viel auf die Menschen an denen man etwas mitteilen muss, klar! Aber es kommt vor allem auf den Mitteilenden an. Und da hat die Regie nun mal versagt, nicht genug und nicht richtig mitgeteilt, also genau genommen schlechte Arbeit geleistet und damit, angesichts der Eintrittspreise bei 20,-€uro, den Kunden, sprich den Zuschauer, geprellt!
Denn es geht auch anders!
Man muss dazu nur paar hundert Meter weiter bis in die ehemalige Landfried Tabakfabrik in der Bergheimer Straße 147 gehen, wo zurzeit das taeter Theater seinen Unfrieden treibt. Zweifelsohne ist in der Gesamtleistung ein erheblicher Unterschied der schauspielerischen Qualität zu erkennen, allerdings auch nur dann, wenn man mit einer gewissen kinematographischen Erwartung ins Theater geht, also sprich, wenn man dahin geht, um sich in eine Scheinwelt versetzen zu lassen.
Das kommt auch noch heutzutage schon mal des Öfteren vor, dass Zuschauer Theaterstücke eben halt Wie Früher sehen wollen. Diese sollten sie dann dem Alltag entrücken, ihnen auch mal aufzeigen, was denn neuerdings zeitgeistgemäß Gut und Böse ist, ihnen auch mal die Gelegenheit geben Menschen zu belächeln oder gar auszulachen, was sie sonst in ihrer Alltäglichkeit nicht wagen würden. Nur kann man all das tatsächlich viel besser im Kino haben und ist mit diesem Bedürfnis eigentlich in jedem Theater dieser Welt zur falschen Zeit am falschen Ort. Sollte man meinen!
Es sei denn, ja, es sei denn, dass diese Theater gar nichts anderes wollen, vielleicht auch gar nicht anders können, als eben halt nur den Geschmack der Zeit zu bedienen. Ob dann dabei betriebswirtschaftliche Überlegungen den Ausschlag gegeben haben oder nicht, ist unerheblich. Denn auch dann, wenn es sogar stimmt, dass keine Bühne dieses Landes, trotz Subventionen, ohne solche Zugeständnisse an sein Publikum überleben könnte, auch dann bleibt es Verrat an dem eigentlichen Auftrag eines Theaters: aufklären und aufwiegeln; Entscheidungen herauf zu beschwören; selbst moralisch und gesellschaftlich aktiv zu werden, und zum Aktivwerden anregen!
Und wenn dem so ist, nun, dann hat von den dreien eben nur das taeter Theater diese Aufgabe erfüllt! Denn unabhängig davon, was man über die schauspielerische Qualität nun sagen könnte, in keiner der beiden anderen Vorstellungen sah sich auch nur einer der Zuschauer soweit von dem Geschehen betroffen, als dass es ihm wert gewesen wäre, soweit Haltung zu beziehen, um dafür auch den Saal zu verlassen. Im taeter Theater schon!
Da erhob sich nämlich ostentativ, genau in dem Augenblick als die werte Gesellschaft in Thomas Bernhardts Freispruch mit Hitlergruß dem Deutschland-Lied lauschte, ein Paar und verließ den Saal. Freispruch war das erste vom Zehn-Gänge-Menü Schmeckt’s nach der Pause, so dass nicht unbedingt anzunehmen ist, das die Blase das Paar zum verlassen des Saales genötigt hätte. Es war dann wohl doch das Geschehen auf der Bühne das dazu Anlass gab, und nicht von ungefähr! Denn die Unmittelbarkeit mit der diese sechs Schauspieler Thomas Bernhardts Text und Intention herüberbrachten, konnte niemand im Saal unbeteiligt lassen.
Kritik an dem Abend ist trotzdem angebracht, denn wenn man ein solches Kleinod wie diese Thomas Bernhardt Inszenierung im Laufe eines Abends zu bieten hat, dann muss man mehr Kapital daraus schlagen. Ohne Zweifel ist die Inszenierung dieses Textes der Höhepunkt des Abends, und als solcher darf man den nicht unmittelbar nach der Pause verheizen. Es sei denn man kann auf ähnlich hohem Niveau nachlegen! Doch das war nicht der Fall. Auch hätte man sich gewünscht, dass so mancher der vorgetragenen Texte eingehender einstudiert worden wäre, und zwar so, dass die Darsteller, gerade weil sie das, was sie tun aus purem Enthusiasmus tun, nicht schauspielerisch brillieren müssen, sondern einfach nur Freude daran empfinden sollen überhaupt auf einer Bühne stehen zu dürfen. Freude ist nämlich ansteckend, entspannt und enthemmt, und das hätte beiden, Darsteller wie Zuschauer, sehr viel weiter geholfen.
Und wie man so etwas macht, nämlich Freude am Spiel zu haben und sie auch zu vermitteln, das hätten die Darsteller vom taeter Theater bei einem Christian Lerch in der Münchner Residenztheater-Inszenierung sehen können. Wobei man da ja auch schon wieder einschränken muss, zumal der liebe Herr Lerch des Guten einfach zuviel tat indem er dem Affen Zucker gab, wie Schauspieler das Provozieren des schon lachenden Publikums bezeichnen, indem sie den lachauslösenden Moment improvisatorisch verlängern. Schlimm daran war, dass er dabei seine Aufgabe vergaß, und zwar dass er nicht etwa da war Klamauk zu machen, sondern der hehren Mission zu entsprechen hatte, Teil eines Theaterabends zu sein, der auf dem 1908 von Robert Walser geschriebenen Roman beruht und ein „Reisebericht aus einer fremden, skurrilen Welt, aber auch das Dokument einer Zeitenwende von einer patriarchalisch strukturierten hin zu einer zunehmend anonymisierten Gesellschaft, in dem das Abseitige keinen Platz mehr hat“ (siehe http://www.theaterimhausderkunst.de/stuecke/) sein soll. Also sozusagen, ein lebendiges Museum!
Das war’s dann auch, eine museumsreife Aufführung! In allen Belangen! Selbst die Rollen der Schauspieler passten vollkommen zu den musealen Gesellschaftsstrukturen, Rollen wie man sie eigentlich nur noch gerne im Kino sehen würde, weil man da, durch die wohlige Dunkelheit geschützt, sich noch zurückgenommener und wohliger in längst vergangenen Zeiten und Zuständen suhlen kann. Im Theater, und dann umso mehr noch in einem so riesigen offenen Raum wie dem Marstalltheater, fällt man als Zuschauer nur unangenehm auf, wenn man, aus welchem Grund auch immer, auf das Spiel der Akteure reagiert. Und dann fällt dem Lerch auch noch ein, dem Affen Zucker zu geben! Völlig unangemessen!
Fazit? Nun, den Raum des Marstalltheaters muss man einmal gesehen haben! Allein deshalb lohnt es sich schon, dahin zu gehen. Wenn man sich jedoch für den Zustand der Schweiz am Anfang des vergangenen Jahrhunderts interessiert, dann ist man wohl besser bedient, wenn man Robert Walsers Roman gleich selber liest, oder wenn man zu jenen gehört die zum Lesen keine Zeit, vielleicht auch keine Lust haben, sollte man noch ein bisschen warten, dann ist der Roman eh als Hörbuch auf CD zu bekommen und man kann sich das dann auf der Autofahrt von München nach Buxtehude reinziehen. Allemal besser als dazu diese Vorstellung in Erwägung zu ziehen. Ergo: sie ist überflüssig wie ein Kropf!
Caligula und Schmeckt’s muss man jedoch gesehen haben! Erstere wegen der einmaligen Symbiose die dieser wunderbare Text mit dem Alten Hallenbad eingegangen ist, und nicht zuletzt wegen der Verve mit der Daniel Hajdu ihn zum Besten gab. Letzteres hingegen muss man gesehen haben wenn man ein Theaterliebhaber ist, weil es den Beweis seiner Virulenz und seiner Vitalität antritt, vor allem seine eigene, aber auch des Theaters insgesamt, den die professionellen Häuser anhand dieser Vorstellungen allerdings schuldig bleiben.
Walter Roth |