Saalfelden 2003 - 1. Tag

Saalfelden, Fr 28.08.2003

 

25th anniversary jazzsaalfelden2003

 

Der 1. Tag

 

Die Anreise

Die ist schon immer ein Abenteuer gewesen, und war es diesmal nicht weniger. Nachdem man sich schon einmal, ohne gefrühstückt zu haben, Hals über Kopf auf den Weg begab, kam es wie es kommen mußte, und so steckten wir auch bald nach der Inntaler Autobahnabfahrt im Stau. Da sich dieser auf unabsehbare Zeit dahinzog, verließen wir die Autobahn an der Bernauer Ausfahrt, in der Hoffnung über Skt. Johann doch noch rechtzeitig in Saalfelden anzukommen. Doch leider hatten wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn kaum hatten wir österreichischen Boden betreten (bzw. befahren), wurde uns die Weiterfahrt durch Straßensperrungen und entsprechende Umleitungen erschwert, die sich durch die Austragung eines Radrennwettbewerbes ergaben. Und das alles, wohlgemerkt, an einem Freitag Nachmittag, bei strömendem Regen.

 

16:30 Uhr

sidsel endresen + bugge wesseltoft (N)

In Saalfelden schließlich dann doch angekommen, wenn auch mit knapp zwei Stunden Verspätung, erweist sich gleich als nächste Schwierigkeitsbewältigung das Auffinden des neuen Veranstaltungsortes der Short-Cuts, das neue nexus Kunsthaus Saalfelden, neu zumindest für uns, die wir im vergangenen Jahr das Festival, aus den bekannten Gründen, nicht besuchen konnten. Schließlich fanden wir es, in der, dem alten Festspielhaus entgegengesetzten Richtung, und waren zunächst von der sehr modern und unkonventionell wirkenden Architektur des Gebäudes überrascht. Vor allem die ungewöhnlich vordergründige, an der Fassade hängende, stählerne Fluchttreppe, sticht da besonders ins Auge, wobei sie weniger als ein bewußt inszeniertes architektonisches Stilmittel wirkt, als ein aus der Not geborenes, geschwulstartiges Gebilde. Der Innenbereich ist nüchtern sachlich, aber hochwertig gehalten, ein Eindruck, der vor allem von dem großzügig demissioniertem Café ausgeht.

Wenn man dann über einen Aufzug, der, erst recht von seiner Größe her, jedem Lastenaufzug zur Ehre gereicht hätte, die Galerie des ganz in Schwarz gehaltenen Vorführungssaales erreicht und in dessen Dunkel eintaucht, empfangen von den wohligen Klänge der wesseltoft’schen Elektronik, dann hat man schnell Stau und Regen, den Radrennwettbewerb und die exzentrische Architektur des Kunsthauses vergessen. Nach nur wenigen Augenblicken des Aufenthalts im Saal, während dem sich die Augen schnell an das Dunkel gewöhnen und man erste Physiognomien  der nächst stehenden Zuschauer wahrnimmt, inzwischen auch einen Platz gefunden hat, von dem man vereinzelte Blicke auf die doch recht statisch agierenden Künstler werfen konnte, war man von dem Geschehen auf der Bühne so eingenommen, daß selbst die halb überstandene Kreuzbandoperation dabei fast in Vergessenheit geriet.

Bugge Wesseltoft agierte dabei, trotz seines äußeren Erscheinungsbildes, das eher einem Bankangestellten in Freizeitkleidung glich, denn einem weltbekannten Musiker, wie ein großer, verspielter Junge, der sehr gekonnt auf seinem Spielzeug, mit unglaublicher Leichtigkeit und Anmut, immer wieder neue Klangmuster hervorzaubern konnte, die jedesmal, wie zufällig, zu den Geschichten, die Sidsel Endresen da erzählte, den einzig passenden Rahmen bildeten. Und diese Geschichten hatten es in sich, denn sie waren wahrhaftig! Sie erzählten von dem was Menschen bewegt, selbst da noch, wo Worte dazu nicht mehr ausreichen, und nur noch das Stammeln und die Klänge der Musik vordringen können. Sidsel Endresen tut das nicht indem sie ihre Persönlichkeit in den Vordergrund stellt, sondern läßt, sich völlig mit den Menschen in ihren Geschichten identifizierend, nur ihre sehr charakterstarke Stimme wirken. Dies bewirkt letztendlich das, was einen hervorragenden Vortrag ausmacht: atemloses Lauschen und vorbehaltloses Vergnügen am erzählen.

 

19:00 Uhr

wolfgang reisinger: invite (A/F/USA) - premiere

Der offizielle Beginn des Festivals im Festzelt, war, angesichts der 25-Jahrfeier, natürlich dem Politikum vorbehalten, und wie sich das für ordentliche Ex-68ziger geziemt, hielt man dies doch, bei Wahrung aller Regeln, recht kurz ab. Danach betrat Wolfgang Reisiger (drums/leader) mit seinen Mannen, die da waren Dave Liebman (sax), Marc Ducret (g), Jean-Paul Celea (db-bass), Wolfgang Mitterer (e), Matthew Garrison (e-bass) und Jamey Haddad (perc) die Bühne, und, wie Dave Liebman stellvertretend für den leader verkündete, es sollte uns eine Musik erwarten, die man auch als ein Querschnitt durch die Entwicklungen, die der Jazz seit den späten sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts genommen hat, verstehen kann. Was dabei letztendlich tatsächlich davon rüber kam, war sicherlich für so manchen nicht ganz nachvollziehbar. Keine Frage: Dave Liebman und Marc Ducret agierten streckenweise brillant, vor dem dichten, kraftvollen Hintergrund der Rhythmusgruppe – absolut Neues, oder gar Weltbewegendes war das nicht. Selbst die beiden „Exoten“ der Gruppe, also Wolfgang Mitterer mit seinen elektronischen Effekten, der sich vornehm zurücknahm und sehr pointiert Akzente setzte, als auch Jamey Haddad, mit all seinen Trommeln und Tschinellen, der sich ähnlich wie Mitterer verhielt, verliehen dem gesamten Erscheinungsbild der Gruppe, nicht den Rang und die Aura eines Ausnahmeerlebnisses.

 

20:30 Uhr

geri allen: time line (USA) – premiere

Vor nunmehr fünf Jahren war Geri Allen schon mal in Saalfelden zu sehen und hören gewesen, damals in fast gleicher Instrumentalbesetzung, nur daß nun der vorrangige Dialogpartner nicht die Trompete, sondern die Instrumente des „Ausnahmesaxophonisten Dave McMurray“ –  so der Festivalkatalog – waren. Um es gleich vorneweg zu sagen: Ausnahmesaxophonist ist treffend, allerdings dann doch eher im negativen Sinne des Wortes. Auch wenn man im Katalog verschönernd vom „groovigen Funk McMurrays“ im Dialog mit dem Piano spricht, so konnte davon schlicht und ergreifend gar nicht die Rede sein, denn insofern die beiden überhaupt noch miteinander kommunizierten, war das eher ein handfester Streit, wo man sich eh nur noch anschrie und an Dialog eigentlich nie dachte. Nun sind die Geschmäcker der Menschen doch recht unterschiedlich, und offenbar gab es zumindest hier im Festivalzelt genügend Leute, die auf diese musikalisch geführte Auseinandersetzung richtig abfuhren, und zwar gleich so, daß ihnen der peinliche Ausfall, und die dadurch bedingte Unkonzentriertheit der Hauptakteurin, gar nicht mal mehr auffiel. Deren Versuche die Situation halbwegs zu retten, führten dann zwar auch noch zu der Erkenntnis, daß ein drummer wie Mark Johnson, als Lückenbüßer unbedingt auch über sportliche Qualitäten verfügen muß, denn seine künstlerische Begabung unter Beweis zu stellen, hatte er kaum Gelegenheit. Erst als der Spuk vorbei war und die ewig Unverbesserlichen  gar auf eine Zugabe bestanden, blitzte dann doch das Können dieser vier Musiker auf, als sie eine Komposition spielten, die durch eine Danceperformans inspiriert wurde. Plötzlich hetzten sie nicht mehr wie Ausnahmeathleten durch Klangräume, sondern hielten Inne, offenbarten plötzlich, daß sie auch eine Seele und Gefühle haben, die ihrer Musik plötzlich Raum und die Möglichkeit zum Atmen gab. Doch davon wollten die bis dahin Jubelnden offenbar nichts wissen, denn kaum hatten die Musiker ihre Zugabe zu Ende gebracht, verhallte der Schlußapplaus doch verhältnismäßig abrupt.

 

22:00 Uhr

michel portal meets louis sclavis (F) – premiere

Dazu zunächst der Festivalkatalog: „Michel Portal trägt gerne Schwarz. Keine andere Farbe harmoniert besser mit dem nicht selten verzweifelt klingenden Quäken seiner zuweilen attraktiv verloren wirkenden Bassklarinette, die er in den von Melancholie umwölkten Höhen gerne gegen ein Sopransaxophon eintauscht. In solchem Changieren entdeckt sich ein lustvolles Suchen, das sein Firmament im Dialog mit den Mitmusikern findet.“ Toll, nicht wahr? Tollkirschen toll! Das kommt dabei heraus, wenn Worte Musik wiedergeben sollen. Dabei wollte der Rezensent dies gar nicht, er wollte gerade mal sagen, welch außergewöhnlicher Musiker Michel Portal ist, und welch außergewöhnliche Ausdrucksmittel er findet, musikalisch seine Geschichten zu erzählen. Ob die unbedingt von „individueller Einsamkeit“ handeln, die „in Harmonie zu lösen“ ist, mag auch dahingestellt bleiben.

Fakt allerdings ist, daß der Auftritt Michel Portals mit seinen Mannen, der absolute Höhepunkt des Abends war, wofür er am Ende auch verdienter Maßen mit Standing Ovations gefeiert wurde. Dabei war nicht zu überhören, und vor allem nicht zu übersehen, daß es sich hiermit um eine Premiere handelte. Vor allem wurde dies an der Gestik des Meisters deutlich, der seiner Rhythmusgruppe nicht nur einmal die Tempi vorgeben mußte. Dabei agierten Eric Echampard am Schlagzeug und Bruno Chevillon am Bass, weiß Gott! nicht behäbig oder unangebracht, doch war dies offenbar immer noch nicht genug und adäquat. Gerade Eric Echampard behandelte sein Instrumentarium mit einer Leichthändig-, und Leichtfüßigkeit, die schon sehr erstaunlich wirkte.

Dem gegenüber wirkte Michel Portal Superstar manchmal doch recht schulmeisterlich, zumindest dann wenn er wohl den Eindruck hatte, daß etwas nicht seinem Bedürfnis, alles und alle unter Kontrolle zu haben, entsprach. Als Interpret jedoch, überragte er alle anderen tatsächlich um Längen. Selbst Louis Sclavis, auch einer der sich seiner Gefühle nicht schämt, konnte da nicht mithalten. Es wäre nun sicherlich müßig zu spekulieren, ob gerade dieser Mix aus Portals Überexaltiertheit einerseits, und der Cleverness seiner Mitstreiter andererseits, diese überragende Vorstellung zustande kommen ließ. Tatsache ist, daß es vor allem Portals engagiertem Spiel zu verdanken war, daß der Funke so unmittelbar auf das Publikum übersprang, und diesen Auftritt weit über alle anderen des Abends erhob.

Ein nicht zu übersehendes, und schon gar nicht zu überhörendes Detail, sind die komplexen Kompositionen. Wem auch immer sie zuzuschreiben sind, sie entstammen allesamt afro-europäischer Tradition, und wenn man mittlerweile bedenkt, mit welcher Selbstverständlichkeit der Jazz es vermag, unter seiner Kunstform, afrikanische, asiatische und europäische, genauso wie afrikanische und amerikanische musikalische Traditionen zu vereinen, so kann man nicht umhin, und dem Jazz nur ein glorreiche Zukunft vorhersagen. Denn wenn man sich die Entwicklungen in der Pop-Musik anschaut, und diese nun in Relation zum Jazz stellt, so liegt die Annahme nicht allzu fern, daß es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis dieser Teil der populären Musik geworden ist. In seiner reinen Form wird er wohl letztendlich ein berechtigtes Dasein führen, wie derzeit die europäische Klassik, allein das wird seine Weiterentwicklung hin zu anderen Kunstformen nicht hemmen können, und allein schon wegen des hohen improvisatorischen Anspruches an seine Interpreten, wird er das prägende Element der zukünftigen populären Musik sein.

 

23:30 Uhr

diaspora blues: steven bernstein w/ the sam rivers trio (USA)

Nach dem fulminanten Auftritt Michel Portals & Konsorten, fragte man sich zwangsläufig, wie es denn nun weitergehen könnte, da man zu Recht nach einer solchen Inanspruchnahme, ein Nachlassen der Konzentration erwartete. Die trat dann auch ein, doch dann erwiesen sich mal wieder die Organisatoren des Saalfeldener Jazzfestivals, als große programmgestalterische Könner. Denn Steven Bernstein und das Sam Rivers Trio kamen unprätentiös daher, spielten sich jedoch mit einer stillen Sensibilität unaufhaltsam ins Bewußtsein des Publikums, daß ihnen dann willig und mühelos in die Improvisationen klezmerischer Klangstrukturen folgte.

Und wenn das alles wirklich so unaufdringlich erschien, so war dies sicherlich vor allem das Verdienst Sam Rivers, der, das genaue Gegenteil zu einem Michel Portal, im Zentrum des Geschehens so souverän agierte, daß man ihn kaum wahrnahm. Allein mit dessen Gegengewicht, schafften es die Programmgestalter das Publikum aus dem Loch, in das sie zwangsläufig nach dem Michel Portal Auftritt geraten mußten, wieder in den Mittelpunkt künstlerischer Aufmerksamkeit zu hieven.

 

01:00 Uhr

james chance + the contortions (USA) – priemere

Das gleiche Kunststück hatte ihnen dann allerdings auch nach diesem Auftritt noch zu gelingen, und das gedachte man nun durch schiere Gewalt zu erreichen, indem man den Ikonoklast James Chance auf die Massen hetzte. Allein der gute Chance selber schien an diesem Abend etwas müde zu sein, denn er agierte recht unkonzentriert, vor allem inkonsequent, womit er sich wohl selber die Show gestohlen hat. Mehr ist eigentlich dazu nicht zu sagen, womit man wohl doch eigentlich ziemlich ungerecht agiert, denn sicherlich entsprach das Erscheinungsbild nicht den Erwartungen, doch damit gleichzeitig der Musik jede Qualität abzusprechen, erscheint doch ziemlich ungerechtfertigt. Also etwas, was noch zu entdecken ist. Allein das ist doch schon viel wert.

 

Walter Roth