Sandkorn-Tournee Temeswar

Sandkorn-Tournee Temeswar

 

 

Sandkorn-Tournee nach Temeswar vom 22.5 bis 26.5.2007

von

N. Neiss

 

22.5
Auf den Tag genau vor 20 Jahren saß ein junger Schauspieler auf der Bühne des Deutschen Staatstheaters in Temeswar und starrte nachdenklich in den Schnürboden.
Vielleicht würde er überhaupt nie wieder Theater spielen?
Dieses Haus würde er jedenfalls nie wieder betreten dürfen.
Zwei teuer bezahlte, gefälschte Pässe hatte er bereits in der Tasche.
Das durfte natürlich niemand wissen, weder die Eltern, noch die Kollegen und Freunde, aber sie würden seinen Entschluß sicher verstehen.
Schließlich könne man sich doch dieses Regime wirklich nicht länger bieten lassen!
Diese Bespitzelungen, jedes falsche Wort macht dich sofort zum Staatsfeind, diese Unfreiheit!
Es müssen Zeichen gesetzt werden und letztlich ist doch jeder für sein eigenes Lebensglück verantwortlich.
Er jedenfalls hatte den Mut und die Kraft alles hinter sich zu lassen und im Westen noch einmal ganz von vorne anzufangen.

Wie immer transformieren sich aufgeschnappte Geschichten, Fakten und Daten in meinem Kopf zu meiner höchst persönlichen Wahrheit und entsprechen vielleicht nicht immer ganz der Wirklichkeit.
Tatsache ist aber, daß dieser Schauspieler, nämlich unser Sandkorn Walter, nun nach 2 Jahrzehnten, doch wieder auf seiner alten Bühne in Temeswar steht und in den unveränderten Schnürboden guckt.
Immer noch die alten Scheinwerfer und die verstaubten Vorhänge, an der Decke Stockflecken und das verfallene Mauerwerk dürftig mit Mollton zusammen gehalten - eine Baustelle.
Offensichtlich wollte hier jahrelang niemand die Kosten für eine Renovierung übernehmen.
Tatsächlich hat das Deutsche Theater hier, nach der Abwanderung so vieler deutschsprachiger Rumänen, völlig an Bedeutung verloren.
1944 waren die Deutschen hier noch die größte Bevölkerungsgruppe.
Heute sind sie auf 2,25% zusammengeschrumpft und wie viele davon sich für „Effi Briest" und „Die Nacht davor" interessieren, wird sich zeigen.
Die Zuseher tragen hier jedenfalls, laut Walter, Kopfhörer und lachen über die übersetzten Pointen erst, wenn die Schauspieler da vorne, bereits verzweifelt gestikulierend und mit übertriebener Mimik, um Verständnis ringen.

Was ich nicht wußte: Walters Muttersprache ist Deutsch und das was da so ein wenig fremdländisch mitschwingt, ist lediglich der Heimatdialekt der Donauschwaben.
Dagegen lernt die Generation der Schauspieler, die jetzt in Schauspielschulen für das Deutsche Theater gezüchtet werden, Deutsch als Fremdsprache.
Absurd irgendwie: Die Schauspieler sprechen eine ihnen fremde Sprache, die für die Zuseher wieder übersetzt werden muß.

Also kein Wunder, daß niemand Geld in die Renovierung dieses untergehenden Schiffes stecken will.
Aber die Intendantin hat, wie's scheint, alle politischen Wirnisse überstanden und wurstelt seit 40 Jahren tapfer und etwas verbittert weiter.

Im selben Gebäudekomplex befindet sich auch die Bühne des Rumänischen Staatstheaters und der Oper.
Getrennt nur durch ein kompliziertes Treppenhaussystem, präsentiert sich dieser Saal prunkvoll in Samt und jeder Menge Gold - ein Schmuckkästchen, das Vorzeigeobjekt und der Stolz der Stadt!

Walter ist mit den Schleichwegen des Hauses immer noch bestens vertraut.
Auf dem Weg zu seinem unveränderten Garderobenplatz, umarmt er etliche alte Kollegen, die teilweise sogar trotz Pensionierung ihren Kantinenstuhl warm halten.
Ein bisschen gleicht unser Rumäniengastspiel einer Reise in Walters Vergangenheit und er ist wirklich wie ausgewechselt.
Ein strahlender Walter zeigt uns da seinen ehemaligen Schulweg, sein Wohnhaus und „die Kanonenkugel in diesem Gemäuer da oben, die stammt noch aus der Zeit der Türkenbelagerung!"
Auch im Westen, in München und Heidelberg, wo er in den letzten Jahre Fuß gefasst hatte, beschäftigte Walter sich immer wieder mit seinen Wurzeln.
Erzählungen über seinen Geburtsort und auch geschichtliche Werke hat er veröffentlicht und obwohl nun auch seine Eltern in den Westen gezogen sind (sie leben makabererweise jetzt mit anderen Donauschwaben, in einem, zur Stadt umgebauten ehemaligen KZ) spürt man deutlich, daß da noch eine starke Bindung zur alten Heimat besteht.

„Ein sentimentaler Hund bist du", knurrt Viktor.
Viktor, der Regisseur unserer beiden Stücke die wir hier zeigen werden, ist schon ein Jahr vor Walter in den Westen abgehauen.
Eine glänzende Karriere als rumänischer Jungregisseur hat er hinter sich gelassen.
Auch mit seiner Vergangenheit, als Rockstar der rumänischen Kultband „Transsilvanien Phönix", welche auch heute noch seine Songtexte singt, scheint er völlig gebrochen zu haben.
„Warum soll man das alte Elend immer wieder verklären? Man muß einen Schlußstrich ziehen. Sieh doch nur, hier sitzen immer noch die selben opportunistischen Raupen und drehen sich mit den Blättern im Wind! Kommt, ich zeig euch den Piata Unirii, da bekommt man wenigstens ein anständiges Bier!"

Die von der k. u. k. Monarchie errichteten Gebäude rund um die Pestsäule erinnern wirklich ein wenig an „Klein Wien", wie Temeswar auch genannt wird.
Ein wenig fühlt man sich wie in einer gemalten Filmkulisse und erwartet, daß jeden Augenblick die Kutsche mit der guten alten Sissi um die Ecke biegt und die Taubenschwärme ein bisserl aufmischt.
In der Mitte des Platzes steht doch tatsächlich ein Automat mit Taubenfutter!
Bei uns längst eine strafbare Undenkbarkeit!
Dafür gibt's trotz der zahlreichen Lokale am Piata Unirii kein Klo!
Man schickt mich zwei Gassen weiter zu einem Eissalon, wo ich dann gegen eine Kugel Haselnuss doch noch Pipi machen darf.
Klopapier gibts, wie sich später herausstellen wird in ganz Rumänien höchst selten — ein Luxusartikel.
„Ja, das ist Rumänien", grinst Victor „hier muß sich jeder um seinen eigenen Scheißdreck kümmern."
Mir gefallen die verwinkelten Gässchen und der Boulevard zwischen Theater und Orthodoxer Kathedrale eigentlich ganz gut.
Im Vergleich zu Georgien ist Temeswar eine Oase der Ruhe.
Die Autofahrer benutzen ihre Bremsen und hupen nur selten und am Bega-Kanal, wo sich ein Lokal ans nächste lehnt, sieht es wirklich ein wenig aus, wie an der Donauinsel.
Wein schenkt man hier allerdings nicht in Achtel Gläsern, sondern nur in Flaschenweise aus - ein bisserl besoffen geht hier nicht.

Abends sind wir von den Stadtvätern in ein eben erst eröffnetes Nobellokal eingeladen.
Der Laden muß für hiesige Verhältnisse wirklich sehr nobel und neu sein, denn wir bleiben die einzigen Gäste und die Live Band müht sich nur für uns um Stimmung.
Bei etwas unvorteilhafter Beleuchtung werden wir an langen Tischen mit eingelegten Paprikaschoten, Aivar, mit Schafskäse gefüllten Tomaten, Krautwickel, Fladenbrote und Fleischspießchen bedient.
Die mir als Civapcici bekannten Hackfleischbröckerln, heißen hier ganz anders und haben schon aus Prinzip nicht das geringste mit den serbischen Würstchen gemein.
Auf die Serben scheint man hier auch nicht gut zu sprechen.
Vermutlich weil die serbischen Mückenschwärme, trotz verschlossener Grenzen, über die Donau gesurrt kamen, um in Rumänien eine unerwünschte Blutvermischung vorzunehmen.

So erklärt es jedenfalls Florescu, der Autor des Stücks „Die Nacht davor".
Auch Florescu ist Mitte der Achziger Jahre mit seinen Eltern geflohen und zwar nach Zürich.
Seine Romane sind hier sehr bekannt und sein Theaterstück handelt nun von einem rumänischen Vater, dem die Flucht nicht gelungen ist. Zur Strafe hat man ihm eine Wohnung mit Blick auf die Donau und über die Grenze zugewiesen.
Damit wenigstens ein Familienmitglied dem Plattenbau und der Mückenplage entkommen und in Wohlstand und Freiheit leben kann, verheiratet er sein Töchterlein mit einem reichen Schweizer, der drüben Keine abbekommen hat.
Keine Liebesheirat, ein Deal, auf den sich vermutlich auch heute noch etliche rumänische Frauen einlassen. Ein sehr kritisches Stück - mal sehen wie die Leute hier darauf reagieren.
Der Autor selbst fand es jedenfalls zu heikel persönlich anwesend zu sein.

Apropos blutsaugende Mücken - wie gehts eigentlich dem Grafen von Dracula?
Gab's den wirklich? Ist er jetzt im Bankgeschäft tätig?
Ich habe bereits mehrere Filialen der Bank of Transilvania gesehen und mich ein wenig gescheut bei diesen Blutsaugern mein Geld zu wechseln.
„In den Karpaten, da gibt es tatsächlich immer noch ein Schloß, welches einst Dracula, genannt der Pfähler, bewohnte", erklärt Victor.
Dieser Finsterling entwickelte eine besonders grausame Methode die ungeliebten türkischen Belagerer schön langsam aufzuspießen.
Und wer seinen Turban durchaus nicht abnehmen wollte, dem wurde er mit kleinen Nägelchen am Kopf fest getackert.
Die Mähr von den blutsaugenden Vampiren stammt allerdings aus Ungarn und erst ein englischer Romantiker, nämlich Bram Stoker, hat aus beiden Geschichten die Dracula Story zusammen phantasiert.
Zur Krönung des Abends schwingen Sollmännchen und Bea noch beherzt das Tanzbein, der Kellner heißt Adrian und man fühlt sich ganz wie zu Hause.

Mit drei Taxis versuchen wir in unsere Jugendherberge zu gelangen.
Die Absteige scheint allerdings wirklich ein Geheimtip zu sein, denn trotz stetigem Funkkontakt rumpeln unsere Wagen über Baustellen wirr am Ziel vorbei.
Drei gerade noch vermiedene Unfälle und unzählige rumänische Flüche später, gelingt es uns in einem Kiosk neben der Herberge ein paar Flaschen Bier zu ergattern.
Und wer hätte das gedacht, hier gibt es tatsächlich noch Schokolade-Weihnachtsmänner, die dem Umschmelzungsprozess zum Osterhasen entgangen sind - da muß man doch zugreifen!
Eine Bar gibt es in unserem Quartier natürlich nicht, aber Dank König Julian und Sollmännchen, die sich ein Zimmer in zentraler Nachtclubnähe gönnen wollten, steht uns jetzt ein sogenannter Sozialraum zu Verfügung.
Das Zweibettzimmerchen von sachlich schlichter Schönheit wird sofort mit schmutzigen Witzen, Anekdoten und Unrat besudelt und die Sandkornfamilie hat ihren Spaß!



23.5
Im Traum lag ich bei einem Motorradrennen in Führung, mußte allerdings wegen des ohrenbetäubenden Lärmpegels abbrechen und erwachen.
Das Motorengeräusch stammte von einer Mücke, die trotzig Einlass in mein Innenohr forderte. Ich meine, ich würde ja gern um des lieben Friedens willen ein paar Tröpfchen Blut pro Nacht opfern, aber müssen diese Biester immer auch noch in die Wunde spucken und unzählige juckende, unschöne Beulen hinterlassen?!
Frl. Rössl, meine eingespielte Zimmergenossin, muß sich heute auf ihre Einspringerrolle als frustrierte rumänische Halbseidene konzentrieren.
Deshalb verlasse ich relativ früh alleine unser Gemach und laufe, um dem Taxifahrer beim nächsten Mal wertvolle Tips geben zu können, zu Fuß in Richtung Innenstadt.
Der Weg führt vorbei an zwei riesigen Friedhöfen durch ein Gewerbegebiet mit hässlichen Plattenbauten, rostigen Industrieanlagen und betonklötzigen Einkaufszentren.
Alles wirkt nicht wirklich ärmlich, aber doch recht trostlos und verstaubt.
In der Innenstadt sind die Cafes eindeutig in der Hand von Julius Meinl.
Überall bürgt der berühmte Mohr für besten Kaffee und auch wenn die türkischen Belagerer viel Unheil angerichtet haben, den schwarzen Aufputscher möchte man doch nicht missen.
Na mal sehen was Wikipedia über Temeswar zu berichten weiß:
Aha - früher war das alles Mal lediglich eine Festung im Sumpfgebiet.
Dann kamen die Türken, dann die Habsburger, die machten eine Garnisonsstadt draus, die Ungarn waren hier, die Pest, die Deutschen, die Kommunisten..., meine Herrschaften, hier war aber was los!
Alle haben ihre Spuren hinterlassen. Der Pest verdanken wir die Pestsäule, den Wienern den kaiser-königlichen Flair, den Deutschen das Theater...
Oh! Temeswar war 1884 die erste Stadt Europas mit elektrischer Straßenbeleuchtung!
Auf diesen Lorbeeren hat man sich anscheinend ausgeruht, denn heute hängen die Kabel mitunter auf Augenhöhe.
Fast 1% der Bevölkerung machen die Roma Zigeuner aus, die tippen mir auch alle 2 Minuten auf die Schulter und wollen ein bisschen Kleingeld.
Angeblich wollte der Diktator Ceausescu über ganz viele Menschen herrschen und gab deshalb die Parole heraus: Wer viele Kinder zeugt bekommt Geld vom Staat - sehr viel Geld!
Die einzigen die sich daraufhin vermehrten wie die Karnickel waren die Zigeuner.
Und deshalb gehören jetzt den Roma angeblich auch die schönsten Villen der Stadt und sie betteln nur aus Tradition.
10% der Rumänen leben heute in anderen Ländern, hauptsächlich in Spanien.
Dafür haben Deutsche, Italiener und Amerikaner sich hier eingekauft, um billig produzieren zu können. Etliche Äcker und Weingärten liegen deshalb brach und dürfen von den Einheimischen nicht mehr bewirtschaftet werden, weil irgend ein ausländischer Investor das Land erworben hat und abwartet.
Na sieh mal einer an, Johnny Weißmüller, der erste Tarzan, stammt aus Temeswar.
Nikolaus Lenau ist auch hier in der Nähe geboren und natürlich unser Wiener Staatsoperndirektor Ioan Holender - ein waschechter Temeswarer!
Ha! und „Prost" sollte man hier auf keinen Fall sagen, denn das bedeutet „dumm"!
Will man also anstoßen dann mit „norock"!
Auf meiner weiteren Erkundigungstour finde ich weder einen Bäcker noch einen Supermarkt, dafür bieten unzählige Schuhgeschäfte 3 Paar zum Preis von 2 an.
Naja muß man halt seine Lebensgewohnheiten ein wenig umstellen und in einen Turnschuh beißen.
Die orthodoxe Kirche ist wirklich ein Schmuckstück, aber es gibt hier für die Gläubigen keine Sitzbänke. Stehen die alle während der Andacht, oder sitzen sie am Boden?
Das läßt sich jetzt schwer feststellen, denn die Kirche ist ebenso leer, wie das Schwimmbad, welches ich nach c.a. dreissig Minuten Marsch stromaufwärts am Kanal entdecke.
„Ist offen?"
Ja, ja, nur hereinspaziert! Wir haben zwar noch kein Wasser im Becken, aber... "Ja, ist offen!"
Ich lege mich auf eine der blaugestrichen Pritschen, um ein wenig zu lesen und bleibe gleich kleben. Die Farbe ist wohl für direkte Sonneneinstrahlung nicht wirklich geeignet.
Auf blauen Beinen erkunde ich das rechte Flußufer.
Ach, hier ist das moderne Schwimmbad, in dem alle jene rumplantschen, die gerne Wasser im Becken haben.
Naja, jetzt muß ich ohnehin langsam zum Theater.
Um 20 Uhr ist weit und breit noch kein Zuschauer zu sehen.
Keine Panik, die kommen frühestens 10 Minuten nach 8!
„Die Nacht davor" hat hier wirklich eine ganz andere Bedeutung, als bei uns im Sandkorn Theater. Das Publikum versteht jede der zynischen Spitzen, lacht und leidet mit Walters Vaterfigur. Man erkennt sich mückenklatschend wieder und ist auch über die „verkaufte Braut" nicht angepißt. Frl. Rössl macht als verstoßene Geliebte ordentlich Wind und, daß man, aus technischen Gründen, das langatmige Video über die Schweizerverhältnisse nicht zu sehen bekommt, verändert zwar die Aussage des Stückes, ist aber insgesamt ein Gewinn für den Abend.

Im Anschluß an die Vorstellung soll in einem Proberaum eine vom Haus organisierte Feier stattfinden.
Eine Marthaler Inszenierung!
Eiskaltes Neonlicht, die Stühle wie im Wartesaal an die Wände geschoben, in der Mitte eine peinliche Fläche der Leere, an der Rückwand das Büffet - zwei Teller mit alten Würstchen und 2 Flaschen Wein.
Die trostlose Lieblosigkeit schnürt einem die Kehle zu und reizt die Lachmuskeln.
Armselig drückt man sich an der Wand entlang und wartet auf den Auftritt der Intendantin, um sich offiziell für die reizende Einladung zu bedanken.
Die Tante plaudert schließlich aber ausschließlich mit ihrer Dramaturgin und hat nicht das geringste Interesse an uns.
Jetzt weiß man nicht, ist die immer noch sauer auf Walter und Victor, die sie vor 20 Jahren natürlich doch irgendwie hängen ließen?
Ich stelle mir das schon ein bisschen so vor, wie es bei unserer Nazikatastrophe war - wer das Land verlassen hat wie die Dietrich, gilt als Landesverräter, wer geblieben ist wie Rühmann, als opportunistischer Feigling.
Wie wir später erfahren, sitzt bei dieser Intendantin der Stachel aber noch ganz wo anders.
Wir wurden ihr vom Bürgermeister, den sie ohnehin nicht leiden kann, vermutlich weil er nichts für die Renovierungsarbeiten springen lässt, einfach aufs Auge gedrückt - Gäste wider Willen. Captain Iglo ist, wie ich finde, zurecht etwas verärgert über die unhöfliche Behandlung und so verschwinden wir nach einigen endlosen Anstandsminuten in seine Hotelbar, um noch ein Fläschchen zu köpfen und im Kreise der Familie Fußball zu gucken.
Leider bestellt Frl. Rössel, in einem narzißtischen Anflug der Selbstüberschätzung, ein heiße Schokolade - das sollte Folgen haben...



24.5
Die Bauarbeiterhorden, mit denen wir das Hotel teilen, lugen neidisch in unseren Sozialraum, denn da türmen sich Kartons mit Frühstückspaketen.
Die Zusammenstellung ist zwar mitunter etwas ungewöhnlich - Schnitzelstückchen mit Pommes saften da in einem Brotfladen und ein Omelett klebt in einem Plastikschüsserl, aber immerhin, WIR bekommen Frühstück und müssen nicht verhungern.

Ab 11 Uhr versuchen wir uns gemeinsam an Effi Briest zu erinnern, Frl. Rössl als Dienstmädchen einzuarbeiten und das ganze dem neuen Raum anzupassen.
Victor hat meine Interpretation der Amme Roswitha ja noch nie gesehen, ist aber gottlob zufrieden.
Um 14Uhr wird die Probe für eine Stunde unterbrochen, denn das Mittagessen ruft.
Ich seile mich von der Gruppe ab, um in der Stadt meinen Hunger wieder mit einem Paar verbilligter Turnschuhe zu stillen.
Das war eine weise Entscheidung, wenngleich ich jetzt über die folgende Szene am Mittagstisch nur aus zweiter Hand berichten kann.
Zum einen gab es eine Auseinandersetzung zwischen unserem Chef und Steffi, worauf sie es vorzog bei Mac Doof zu dinieren.
Und dann bestellte Frl. Rössl auch noch statt Kaffee, eine Tasse Cappuccino!
Das brachte, nach dem gestrigen Vorfall mit der heißen Schokolade, dann das Faß endgültig zum Überlaufen.
Extrawürste wurden aufgetischt, auch mein Ausbüchsen kam aufs Tablett.
Ein Wort ergab das andere, was schließlich in Frl. Rössls Kündigung gipfelte.
„Leute, ich bin wegen einer Tasse Cappuccino gefeuert!"
Bedrücktes Schweigen und gesenkte Blicke in die Kaffeetassen.

Als ich um 15 Uhr weiterproben wollte, war natürlich noch niemand im Theater.
Erst gegen 16 Uhr trudelten die irritierten Kollegen und ein verheultes Frl. Rössl ein.
„Na komm, er hat eben schlecht Laune und wird sich schon wieder beruhigen."
„Aber so kann man das doch nicht stehen lassen."
„Ich würde heute Abend nicht auftreten - gekündigt ist gekündigt."
Ein klärendes Gespräch unter vier Augen und etlichen Ohren verschlechterte die Situation anfangs insofern, das zur Kündigung auch noch das Flugticket der Cappuccinotrinkerin storniert werden sollte.
Aber drei Sätze später lag man sich bereits wieder versöhnt und gerührt in den Armen.
Ja, so sind sie, die Schauspieler, und die Sandkörner ganz im Besonderen.

Kaum einer von uns hatte nicht schon Erfahrungen mit diversen Therapeuten und für den Rest ist möglicherweise das Theater eine gewisse Therapie.
Ja, wir sitzen schon zu Recht alle im selben Boot und rudern gegen Strömungen.

Unsere Effi-Vorstellung gerät erstaunlich dicht. Der größere Bühnenraum animiert zu freierem Spiel, die Zuschauer folgen uns trotz Kopfhörern mit Spannung und applaudieren anerkennend.
Zur Belohnung findet die heutige Feier in der etwas gemütlicheren Kantine statt und quasi als Friedensangebot läßt die verstockte Frau Intendantin sogar ein Tellerchen für die Vegetarier auftragen.
Irgendwann plaudert sie sogar mit einigen von uns und angeblich hatte Captain Iglo letztlich noch einen recht feuchtfröhlichen Abend mit der Spröden.

Unsere zwei Lausbuben König Julian und Sollmännchen wollen heute Abend noch etwas wirklich Großes erleben.
Schließlich ist das hier ja eine Geschäftsreise und so will man sich, ganz weltmännisch, in einem Nachtclub unterhalten lassen.
Zur Einstimmung raucht man schon Mal ein paar von Papas Zigarren und bringt sich mit Cognac in Fahrt.
Marco, unser technischer Frischling, und Jan, der mit diesem Ausflug seinen Abschied von den Sandkörnern feiert, schließen sich den Big Spendern an - Na dann, Weltmanns Heil!
Weil Damen bei solchen Abenteuern natürlich unerwünscht sind, suchen Frl. Rössl und ich, einen uns empfohlenen Jazz Club, finden aber lediglich einen Techno-Schuppen mit bereits ziemlich leblos in den Plastikstühlen klebenden Gästen vor.
Das muß man sich dann ja auch nicht unbedingt geben.
Leider hat keine von uns beiden die exakte Adresse unserer Herberge notiert.
Klar, wir kennen mittlerweile alle Wege dorthin, auch den Kürzesten - aber wie soll man das den drei dreckig lachenden Taxlern beibringen?
Einer erklärt sich nach coolem Männertalk schließlich bereit die beiden Blondinen „irgendwohin" zu fahren.
Als wir am Jüdischen Friedhof neben unserem Hotel vorbeibrausten, tippe ich dem jungen Mann freundlich auf die Schulter - Halt! Hier müssen wir abbiegen!
Wie naiv von mir! Ein rumänischer Mann wird sich von einer Frau doch nicht sagen lassen, wo er lang zu fahren hat! Schon gar nicht von einer ausländischen Blondine.
Stur karrt uns der Kerl immer weiter in die Pampa, Frl. Rössl beginnt Panik zu schieben und als plötzlich der zweite Kutscher grinsend neben unserem Wagen auftaucht, wird auch mir etwas mulmig.
„Sie müssen umdrehen!" versuchen wir in allen uns bekannten Sprachen zu erklären, aber auch nette kleine Zeichnungen und die theatralische Darstellung von „Friedhof" interessieren wenig.
Gottlob ruft Sollmännchen an, der sich instinktiv Sorgen um uns gemacht hat.
Wir stehen also im Funkkontakt und sind nicht mehr ganz so leicht abzumurxen.
Sollte der Taxifahrer überhaupt jemals Böses im Sinn gehabt haben, so gibt er jetzt seinen Plan auf und hält vor irgendeinem Hotel.
„Das ist ganz reizend, aber hier wohnen wir nicht! Wir müssen zum... und dann wird wieder lebhaft „Friedhof" vorgespielt.
Spätestens jetzt wäre jedem die Lust vergangen, zwei so beknackte Tanten zu vergewaltigen.
Tja, Pech gehabt!



25.5
Heute steht ein Ausflug in Walters Heimatort auf dem Programm.
Mit drei Autos fahren wir durch jede Menge Gegend, hauptsächlich Ackerland, besuchen das ehemalige königliche Jagdhaus und werden dann vom Bürgermeister des Örtchens leutselig empfangen.
Wie in Peppones Büro hängen an den Wänden unzählige Flaggen und Orden, ein Ledersessel hinter monumentalem Schreibtisch, ein Kachelofen und im Eckchen hat Don Camillo zwei Heiligen Bildchen aufgehängt.
Weil wir gar nicht so recht wissen was es mit dem hohen Herrn zu Plaudern gäbe, schießen wir einige abschreckend gestellte Fotos und bestaunen seinen Plan der Reihenhausanlage, welche er zu bauen gedenkt.
Offensichtlich wollen alle raus aus den vielstöckigen Schuhschachtelbauten, deshalb sind waagrechte Plattenbauten jetzt der letzte Schrei.

Walters Geburtsort ist ein Straßendorf, wie man es auch bei uns im Burgenland häufig sieht.
Eine Kneipe, ein Kiosk, das frischgeschlachtete Fleisch holt man sich aus dem Nachbarhof, Gemüse und Weinreben hat ohnehin jeder im eigenen Gärtchen angepflanzt.
Berühmt ist der Ort für seine Mineralwasserquelle, die besonders eisenhaltig sein soll.
Herr Bürgermeister hat uns schon im Vorfeld gewarnt, das die Quelle mehr Ähnlichkeit mit einer öffentlichen Toilette hat, denn mit einem Gesundbrunnen, aber der Umbau ist in Planung. Das ist eine gute Idee, denn momentan ekelt man sich noch ein wenig davor, das nach Chlor muffelnde Wässerchen abzuzapfen.
Was solls - runter damit und rasch noch ein Stoßgebet nachgeschickt, damit ich nicht wieder in meinen osteuropäischen Starrkrampf falle.

Walters Elternhaus ist mit Abstand das schönste im Dorf.
Jetzt hausen fremde Menschen dort. Wir riskieren einen Blick über die Mauer und Walter begrüßt wehmütig die alten Obstbäume seiner Kindheit — mir wird auch schon ganz weh ums Herz.
Auf der Strasse trifft er dann einen alten Jugendfreund, der auch längst im Westen wohnt und ebenfalls nur zu Besuch hier ist. Viel hat man sich nicht zu erzählen, aber das tut man auf Donauschwäbisch.
Die Donauschwaben haben, soweit ich das verstanden habe, weder etwas mit unserem Schwabenländle noch mit der Donau zu tun, sie sind einfach hier hängen geblieben.
Einer von Walters Freunden, der schon zu Kommunistischen Zeiten eine Kolchose geleitet hat, ist auch jetzt wieder Großgrundbesitzer und lädt uns in seine Mühle ein.
Mutti hat Civapcici gebrutzelt, die freilich auch hier ganz anderes heißen, jedenfalls findet man sie kaum hinter den vielen Rauchschwaden in der Küche.
Frische Tomaten, Zwiebeln, Speck und köstlicher Käse werden aufgetragen, selbstgemachter Wein und Schnaps sowieso.
Ich erkaufe mir die Freundschaft einer ausgezehrten Hundemama und darf dafür ihre Babys unter dem Holzstoß vorlocken - mein Tag ist gerettet.
Aber ein weiteres Highlight folgt sogleich, denn HP Emil, Mimi, Frl. Rössl und ich besuchen mit Walter noch das Atelier eines seiner ältesten Freunde.
Der Maler ist erst Mal etwas irritiert durch unseren Besuch, denn wir wollen sofort die Kunstwerke sehen und schreien nach einem Katalog.
Langsam, langsam... erst Mal gibts eine Runde Schnaps.
Ungewöhnlich sauber ist dieses Atelier, kein Farbspritzer am Boden oder an den Wänden.
Das rührt daher, das der Professor unseres Malers seine Studenten im Smoking antreten ließ - ein Künstler muß nicht unbedingt wild rumkleckern, sondern er sollte seinen Pinsel mit Bedacht zu führen wissen. Dasselbe unterrichtet er an der Hochschule jetzt auch seinen Studenten.
Der Maler bearbeitet hauptsächlich Fotos und Kollagen, was ihm ermöglicht wirklich den Augenblick einzufangen und den Betrachter diesen durch des Künstlers Auge sehen zu lassen.
Fast pornographische, aber sehr ästhetische Akte, aber auch sehr eigenwillige Landschaftsbilder und ansprechende abstrakte Arrangements bestaunen wir.
Besonders HP ist in seinem Element und freut sich endlich Mal kunsthistorisch fachsimpeln zu dürfen und auch der stille Maler mit seinen leuchtenden Augen blüht langsam auf.
Ob die hübsche Dame im Dirndlkleid mit dem kleinen Mädchen an der Hand wohl das freizügige Aktmodell war? Seine Ehefrau und Muse ist sie jedenfalls.
Ein wenig bekommt man hier ein Gefühl, wie sich während der Diktatorischen Herrschaft Intellektuelle und Künstler heimlich zusammen gerottet haben mögen, um wenigstens die geistige Freiheit zu hegen und zu pflegen.

Abends hat die Stadt noch ein großes Abschiedsessen in einem traditionellen Kellerseparee für uns organisiert.
Riesige Holzbretter mit weiteren Spezialitäten werden aufgetragen und obwohl nach all den Schlemmereien die Hosen schon spannen, beißt man doch lustvoll in die Palatschinken.
Draußen dudelt eine Zigeunerkombo, drinnen hofiert Kaptain Iglo unsere hübsche, junge Organisatorin. Klaus klinkt sich mit schmutzigen Witzen ein und Mimi, die jetzt schon an Flugangst kränkelt, schämt sich.
Frl. Rössel bestellt schon wieder Cappuccino, aber diesmal wird herzlich darüber geblödelt.



26.5
Kurz vor halb acht klopft HP an unsere Zimmertüre: „Meine Damen das Frühstück wartet!"
Mist, wir haben verschlafen und raffen hektisch im Kreis hüpfend unser Zeug zusammen.
Im Bus vermißt Victor dann seinen Reisepaß.
Ein weiterer Schweißausbruch!
Gerade für Victor wär's vermutlich recht unangenehm gewesen, hier bleiben zu müssen.
Gott sei Dank, da ist er ja, der Fahrschein in den Westen!
Abflug!
Zumindest Walter wird der alten Heimat gewiß recht bald wieder einen Besuch abstatten und auch Victor, er getraut es sich fast nicht zu erzählen, wird im Herbst wieder nach Temeswar kommen um "Faust" zu inszenieren.
Die Reise in die Vergangenheit war also für alle Beteiligten eine lohnende Bereicherung.